Christianisierung
Christianisierung ist der Glaubenswechsel zum Christentum. Demnach ist die Christianisierung sowohl der Prozess als auch das Ergebnis einer Ausbreitung des Christentums.
Vollzogen wird die Christianisierung durch eine Bekehrung, bei der Missionare die Andersgläubigen oder Ungläubigen vom Christentum überzeugen sollen. Doch die Bekehrung bleibt eine freiwillige Variante, um zum Christentum überzutreten. Die unfreiwillige Variante erfolgt unter Gewalt und wird als Zwangschristianisierung bezeichnet. In der Geschichte geschah letztere oftmals im Zuge von Eroberungen, um die eroberten Völker unter einer Religion zu vereinen.
Die gezielte Christianisierung entweder durch einvernehmliche Bekehrung oder durch Zwang ist Bestandteil der christlichen Glaubenswelt. Denn das Christentum ist eine sogenannte Verkündungsreligion. Das bedeutet, dass Christen an einen vergangenen Propheten glauben, welcher eine Botschaft von Gott bekommen haben soll. Und diese Botschaft, auch Offenbarung genannt, ist demnach Gotteswille und sollte unter den Menschen verbreitet werden.
Demnach ist die gezielte Verbreitung des christlichen Glaubens eine Pflicht im Christentum. Solch ein Missionsauftrag besteht auch bei anderen abrahamitischen Religionen, wie dem Islam (Islamisierung).
Steckbrief
| Bedeutung: | Ausbreitung des christlichen Glaubens in der Welt |
| Aufnahmeritus: | Taufe |
| Mittel: | Bekehrung, Missionierung, Zwangstaufen |
| Beginn: | nach dem Tod Jesu (30 oder 33 n. Chr.) |
Was bedeutet Christianisierung?
Christianisierung war die Ausbreitung des christlichen Glaubens insbesondere in Europa. Dies gelang durch Einsiedler, welche als Missionare tätig waren. Aber auch Klöster und Kirchen sollten den christlichen Glauben verbreiten. In unerschlossenen Gebieten entstanden Missionsstationen als Vorposten, von denen die Missionierung ausging.
Was ist der Unterschied zwischen Christianisierung, Bekehrung und Missionierung?
Bekehrung ist die individuelle Entscheidung des Einzelnen, zum Christentum überzutreten. Die Mission ist der Auftrag innerhalb des Christentum, möglichst viele Andersgläubige zu bekehren.
Im historischen Kontext wird die Bekehrung ganzer Völker oder Kulturkreise als Christianisierung bezeichnet. Demnach ist Bekehrung die persönliche Hinwendung zum christlichen Glauben und die Christianisierung ist die gesellschaftliche Verbreitung bzw. gemeinschaftliche Verankerung dieses Glaubens. Beiden geht eine christliche Mission voraus. Und eine solche Mission bzw. Missionierung ist die Tätigkeit, den christlichen Glauben aktiv zu verbreiten.
Wie verlief die Christianisierung in der Antike?
Die religiöse Verbreitung des Christentums begann in der Antike nach dem Tod Jesu. Zur damaligen Zeit waren große Teile Europas, Nordafrikas und des Nahen Osten im Römischen Reich vereint. Demnach begann die Christianisierung zuerst in Jerusalem, was Teil des Römischen Reiches war. Dort entstand eine Jesusbewegung, welche das Wunder der Auferstehung verbreitete.
Als das Christentum sich immer mehr ausbreitete, kam es zur Christenverfolgung im Römischen Reich. Und erst durch die konstantinische Wende wurde die Christenverfolgung eingestellt. Damit war die Grundlage geschaffen, dass das Christentum im Jahr 380 zur römischen Staatsreligionen werden konnte.
Wie verlief die Christianisierung im Mittelalter?
Als das Weströmische Reich im Jahr 476 unterging, war dies das Ende der Antike. Doch das Christentum und der Missionsgedanke überdauerten bis ins Mittelalter. So trat der fränkische König Chlodwig I. im Jahr 496 zum Christentum über.
Das Frankenreich war der legitime Folgestaat zum Römischen Reich, auch deshalb – weil sich die fränkischen Könige auf die Seite vom Papst stellten.
Die Verbreitung des Christentums blieb demnach Staatsaufgabe im Frankenreich, sowohl bei den Merowinger als auch bei den späteren Karolingern. Letztere waren das Herrschergeschlecht, welche unter Karl den Großen ab 800 n. Chr. die römische Kaiserwürde wieder herstellten. Dies gelang Karl durch Eroberungen in Italien (Langobardenreich), in Spanien (Westgotenreich) und Gebiete der Sachsen.
In diesen Gebieten wurden die Untergegebenen zum Christentum bekehrt, legten eine Taufe ab und waren demnach Teil der christlichen Ordnung. Dadurch wurde Europa ein Kulturraum mit gleichen Werten, Standards und Ordnungsprinzipien.
Ab den 630-er Jahren verbreitete sich der Islam auf ähnliche Weise wie das Christentum. Somit stand die Islamisierung der Welt in einem klaren Konkurrenzverhältnis zur Christianisierung.
Der Wettstreit zwischen beiden Religionen entlud sich mit den Kreuzzügen im Hochmittelalter ins Heilige Land. Dort gründeten die christlichen Ordensritter neue Staaten und Königreiche, welche als Kreuzfahrerstaaten bezeichnet wurden. Diese Staaten dienten als Bastion gegen den Islam und sollten die Christianisierung in der arabischen Welt vorantreiben.
Wie verlief die Christianisierung in der Neuzeit?
Die Neuzeit begann mit der Renaissance und dem Zeitalter der Entdeckungen im 15. Jahrhundert. Nach den Entdeckungen der Überseegebiete begann die europäische Expansion und der Kolonialismus. Dabei standen wirtschaftliche und geopolitische Interesse im Vordergrund. Aber auch die Ausbreitung des Christentums war ein Gedanke bei der Kolonisierung der Neuen Welt.
Warum ist die Christianisierung eine Pflichtaufgabe gewesen?
Die Mission ist der Auftrag innerhalb der christlichen Glaubensvorstellung, möglichst viele Andersgläubige zu bekehren. Dieser Missionsauftrag steht im Neuen Testament der Bibel. Und die zentrale Bibelstelle des Missionsbefehls ist im Matthäusevangelium enthalten, als Jesu zu seinen Jüngern sagte:
„Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker, und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ (Matthäus 28, 19-20)
Welche Bedeutung hatte Jesus Christus für die Christianisierung?
Für die Urchristen galt Jesus von Nazareth als Messias und als Gottessohn, durch dessen Kreuzigung sämtliche Sünden der Menschheit vergeben wurden. Demnach wurde durch sein Opfer der Bund mit Gott für die Ewigkeit geschlossen. Und die Auferstehung Jesu war ein Wunder, welches verbreitet werden musste. So wurde der Missionsbefehl aus dem Matthäusevangelium zur Pflicht für die Urchristen.
Wann und wo begann die Christianisierung?
Die Christianisierung begann im Römischen Reich nach dem Tod Jesu (30 oder 33 n. Chr.). Die erste christliche Gemeinde entstand nach Jesus Tod in Jerusalem. Deren Anhänger verkündeten das Wunder von der Auferstehung Jesu, die Vergebung der Sünden und die Gebote Jesu.
Der erste Leiter der Jerusalemer Urgemeinde war Simon Petrus ab 30 bzw. 33 n. Chr. bis 43 n. Chr.. Möglicherweise gründete Petrus danach weitere Gemeinden in Antiochia und in Rom.
Laut der frühchristlichen Überlieferung soll Simon Petrus in Rom als Märtyrer gestorben sein. Dennoch wird er in der Geschichte der römischen Kirche als erster Bischof von Rom (Pabst) genannt.
Welche Bedeutung hatte die konstantinische Wende für die Christianisierung?
Eine bedeutende Bekehrungsgeschichte ist diejenige von Konstantin dem Großen. In der Schlacht an der Milvischen Brücke am 28. Oktober 312 besiegte Konstantin seinen Rivalen Maxentius. Als Zeichen seines Sieges soll er ein Kreuz gesehen haben. Christliche Autoren deuteten dieses Kreuz als Zeichen für Gottes Beistand.
Letztlich wandte sich Konstantin nach der Schlacht dem Christentum zu, leitete die konstantinische Wende ein und sorgte so dafür, dass Religionsfreiheit im Römischen Reich bestand. Damit endete zunächst nur die Christenverfolgung.
Doch die Konstantinische Wende war die Grundlage dafür, dass Kaiser Theodosius I. im Jahr 380 das Christentum zur römischen Staatsreligion erklären konnte. Damit war das Christentum zur Weltreligion der antiken Welt gereift.
Andere Religionen, wie der Manichäismus, waren zu diesem Zeitpunkt bereits eine Weltreligion. Und wohlmöglich gab es im Römischen Reich einen Zeitpunkt, wo der Manichäismus auch zur römischen Staatsreligion werden können. Aber die konstantinische Wende und die Bekehrungsgeschichte von Konstantin führten letztlich dazu, dass das Christentum sich verbreiten durfte und nicht der Manichäismus.
Welches war das erste christianisierte Reich?
Das Königreich Armenien, auch als Großarmenien bezeichnet, war das erste Reich – welches vollständig christianisiert war. Laut einer Legende wurde im Jahr 301 der armenische König Trdat III. bekehrt, was zur Gründung der christlich armenischen Kirche führte. Dies ist die älteste „eigenberechtigte“ (sui juris) Staatskirche der Welt.
Angeblich geht die Christianisierung Armeniens auf die Apostel Judas Thaddäus und Bartholomäus zurück, welche im 1. Jahrhundert dort gepredigt haben sollen. Diese gründeten dort diverse christliche Gemeinden und haben ein Martyrium erlitten. Die ersten Christen Armeniens werden um 197 n. Chr. in der Streitschrift „Adversus Judaeos“ von Tertullian erwähnt.
Historiker nehmen allerdings an, dass Großarmenien erst 314/315 christianisiert wurde. Denn im Jahr 301 trug sich noch die diokletianische Christenverfolgung zu.
Welche Bedeutung hatten die Evangelien für die Christianisierung?
Die Evangelien sind das Evangelium nach Matthäus, das Lukasevangelium, das Markusevangelium und das Johannesevangelium. Berichtet wird in allen vier Evangelien vom Leben Jesu. Diese Erzählungen sind Bestandteil des Neuen Testaments der Bibel. Entstanden sind diese Geschichten zu Lebzeiten Jesu. Niedergeschrieben und somit schriftlich fixiert wurden sie erst lange nach dem Tod Jesu. So entstanden die ersten Niederschriften erst um 80 oder 90 n. Chr.
Die Evangelien berichten sowohl von den Wundern Jesu, als auch von dessen Botschaften und Geboten. Durch die Niederschrift wurde der religiöse Kern der Jesusgeschichte fixiert. Erst durch die schriftliche Fixierung verließ das Christentum den Bereich der Mythologie und wurde zu einer Schriftreligion bzw. Ideologie.
Sämtliche Missionare konnten, aufgrund der Verschriftlichung, die Botschaften Jesu vermittelt – ohne diese zu verfälschen. Dies war enorm wichtig, um den Gottesdienst und die Glaubenspraxis auf ein Fundament zu stellen und zu stärken. Nur durch die Verschriftlichung war es überhaupt erst möglich, die Botschaften und Gebote in neuen Gemeinden anzuwenden. Nur so blieb die christliche Botschaft auch über größere Entfernungen und längere Zeiträume verfügbar.
Welche Rolle spielten Klöster und Kirchen bei der Christianisierung?
Klöster und Kirchen waren Wissenszentren im Mittelalter. Dort wurden Bücher, wie die Bibel abgeschrieben, Taufgelöbnisse vervielfältigt und Ähnliches. Demnach bewahrten die Klöster den christlichen Wissensschatz, erweiterten diesen und trugen durch das Vervielfältigen zur Ausbreitung des Christentums bei.
Pionierarbeit leisteten die Klöster in der Herrschaftszeit von Karl dem Großen. Diese Epoche wird kulturhistorisch als Karolingische Renaissance bezeichnet. Neben dem Kirchenbau setzte Karl darauf, dass Taufgelöbnisse massenhaft vervielfältigt werden. Diese sollten dazu dienen, die unterworfenen Sachsen taufen zu lassen.
Da diese Gelöbnisse in althochdeutscher Sprache verfasst wurden, begann unter Karl den Großen die frühmittelalterliche Literaturepoche als erster Abschnitt der deutschen Literaturgeschichte.
Welche Missionare trieben die Christianisierung Europas voran?
In den ersten Jahrhunderten wurde der Prozess der Christianisierung fast ausschließlich durch christliche Vorposten vorangetrieben. Zu diesen Vorposten gehörten Einsiedeleien, Missionsstationen oder Klöster.
Zu den bedeutendsten Missionaren gehörte Paulus von Tarsus, welcher im 1. Jahrhundert in Griechenland und Kleinasien missionierte. Ähnliche Bedeutung hatte Bonifatius, welcher während des Frühmittelalters im heidnischen Germanien missionierte. Deshalb wird er heute als Apostel der Deutschen verehrt.
Für den slawischen Kulturraum ist die Missionstätigkeit vom Brüderpaar Kyrill und Method zu nennen, welche im 9. Jahrhundert als religiöse Lehrer des mährischen Kleinkönigs Rastislav tätig waren. In dieser Mission gründeten sie die Mährische Akademie, unterrichteten die mährische Bevölkerung im christlichen Glauben und trugen so zur frühen Christianisierung Osteuropas bei.
Eine bedeutende weibliche Missionarin war die Heilige Nino, welche im 4. Jahrhundert die Georgier christianisierte.
Warum konnte die gesamte Gesellschaft im Mittelalter christianisiert werden?
Eine weitere Möglichkeit der Christianisierung bestand darin, christlichen Herrschern besondere Privilegien zukommen zu lassen. So trat König Chlodwig I. im Jahr 496 zum Christentum über und gewann dadurch die Gunst der christlichen Bischöfe. Dies festigte seine Herrschaft im neu gegründeten Frankenreich.
Das Frankenreich stand in der Tradition des Römischen Reiches. Daraus entstand im Jahr 843 (Vertrag von Verdun) das Ostfrankenreich (spätere Frankreich) und das Westfrankenreich (spätere Heilige Römische Reich). Demnach wurde mit dem Übertritt Chlodwigs I. zum Christentum der Grundstein dafür gelegt, dass sämtliche Folgereiche in West- und Mitteleuropa ebenfalls christlich waren.
Der westgotische König Rekkared I. gab 587 den Arianismus auf und trat zum Katholizismus über, um ebenfalls seinen Machtanspruch nach innen zu festigen. Das Westgotenreich war der westliche Nachbar des Frankenreichs und die Konversion festigte Rekkareds Machtanspruch auch nach außen.
Ähnlich war es bei Harald Blauzahn, dem König von Dänemark und Norwegen. Als Otto der Große seinen Herrschaftsanspruch bedrohte, konvertierte Harald zum christlichen Glauben. Laut dem sächsischen Geschichtsschreiber Widukind von Corvey ließ sich Harald im Jahr 960 am Poppostein taufen. Mit seiner Taufe begann die Christianisierung Skandinaviens.
Der Glaubensübertritt der Herrscherelite hatte oftmals eine Signalwirkung. Denn die mittelalterliche Gesellschaft war geprägt von Abhängigkeiten. So war der Adel vom König abhängig und umgekehrt.
Konvertierte nun ein König, begünstigte dieser seine christlichen Adelsleute – weshalb auch diese konvertierten. Gleichzeitig genoss der christliche Adel eine höhere Anerkennung bei den Bischöfen usw.. Nachdem der Adel zum Christentum konvertierte, begann die Bekehrung deren Dienerschaft usw.. So durchdrang das Christentum im europäischen Mittelalter nahezu jede Bevölkerungsschicht auf eine natürliche Art und Weise.
Wie erfolgte die zwanghafte Christianisierung?
Neben der friedlichen Christianisierung gab es auch den gewaltsamen Akt der Konversion. So betrieb Karl der Große während der Sachsenkriege eine großangelegte Zwangstaufe der Sachsen.
Auch die Kreuzzüge im Hochmittelalter waren christlich motiviert, um die Islamische Expansion im Heiligen Land zurückzudrängen.
Die Kolonialisierung Nordamerikas war wirtschaftlich aber auch immer christlich motiviert. Nach dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg begann die Westexpansion der USA. Dabei sollte der amerikanische Geist nach Westen getragen werden. Die amerikanischen Ureinwohner wurden dabei vertrieben, zwangschristianisiert oder ausgerottet. Eine Legitimation zum Völkermord lieferte auch die Überlegenheit des weißen Mannes, welcher Gott auf seiner Seite hatte.
In ähnlicher Weise gingen die Europäer vor, als sie Afrika ab 1416 kolonisierten und den Sklavenhandel mit Schwarzafrikanern aufbauten. Man legitimierte diese Vorgehensweise damit, dass die Seelen der Schwarzafrikaner gerettet würden – wenn sie auf Sklavenplantagen in Nordamerika arbeiten würden und dort mit dem christlichen Glauben belohnt werden.
Das Zeitalter der Entdeckungen war demnach auch ein Zeitalter der europäischen Expansion und ein Zeitalter der europäischen Christianisierung in Übersee.
Welche Bedeutung hatte die Taufe für die Christianisierung?
Der Gottesbund wird im Judentum durch die Beschneidung der Männer symbolisch vollzogen (Brit Mila). Das Christentum ging zwar aus dem Judentum hervor, ersetzte diesen Brauch allerdings durch die Taufe.
Der Brauch der Taufe ist im Judentum ebenfalls vorhanden. Dort wird das rituelle Untertauchen (Mikwe) als Symbol des Reinwaschens begangen. Laut den Evangelien war Johannes der Täufer ein Prediger, welcher das Taufen im Jordan praktizierte. Jesus von Nazareth soll um 28 n. Chr. durch Johannes getauft wurden sein. Erst danach begann Jesus mit seiner Tätigkeit als Wanderprediger.
Im Christentum übernahm man die Taufe als Initiationsritus. Mit diesem Ritual erkennen Christen Jesus als Erlöser an. Demnach werden sie durch die Taufe in die christliche Gemeinschaft aufgenommen. Für die Christianisierung Europas war die Taufe entsprechend bedeutend, da ein Gelöbnis gesprochen wurde. Dieses Gelöbnis bestand aus einer Sprachformel, bei der sich der Getaufte von den alten Göttern und Götzen lossagen musste und sich zum christlichen Gott als neuen Herrn bekennen sollte.
Das sächsische Taufgelöbnis war so eine Bekenntnisformel. Während der Sachsenkriege ließ Karl der Große dieses Gelöbnis mehrfach vervielfältigen und es von sächsischen Heiden aufsagen. Dadurch wurde die Christianisierung des Abendlandes vorangetrieben, aber auch die althochdeutsche Sprache als Literatursprache erschaffen.
Warum war die Christianisierung so erfolgreich?
Die Christianisierung war extrem erfolgreich, da es keine festgeschriebene Praktiken gab. Der ganze Prozess verlief immer in zwei Richtungen. Zuerst kam das Überstülpen des christlichen Glaubensbildes über die einheimische Kultur. Dies war aber nur der Rahmen.
Innerhalb dieses Rahmens war das Christentum dazu fähig, sich Aspekte der einheimischen Kultur anzueignen, christlich umzudeuten und so zu einem Bestandteil der eigenen Kultur werden zu lassen. Denn Religionen und Ideologien funktionieren auch trotz Widersprüche.
So blieben Schutzpatrone als Relikte eines polytheistischen Systems mit mehreren Gottheiten erhalten. Jede Gottheit hat im Polytheismus eine Funktion (z.B. Liebesgöttin). Im Christentum wurde der Erzengel Raphael und der Heilige Valentin zum Schutzpatron der Liebenden.
Solche Tendenzen finden sich auf allen Dimensionen. So ist bspw. der Heilige Eligius der Schutzpatron Schmiede und Handwerker. Bei den Griechen war dafür die Gottheit Hephaistos zuständig, welche bei den Römern dem Vulcanus entsprach.
Der Religionswissenschaftler James B. Rives erklärte, dass sich der Erfolg des Christentums aus drei Komponenten zusammensetzte: Exklusivität, Homogenität und Totalisierung. So beanspruchten die Christen, dass allein der christliche Gott verehrt werden sollte. Die gleichzeitige Verehrung anderer Götter wurde abgelehnt (Exklusivität).
Die Homogenität wurde dadurch erreicht, dass Christen in den wichtigen Glaubensfragen übereinstimmten. Doch der wohl wichtigste Aspekt war die Totalität. Das Christentum entwarf eine Meistererzählung über eine Beziehung zwischen Gott und Menschen.
Dadurch flossen in der christlichen Weltdeutung sämtliche philosophischen und gemeinschaftlichen Elemente ein. Der religiöse Führer war demnach auch Philosoph, Kultist und Gemeinschaftsförderer. Damit ersetzte er die komplette Bandbreite der traditionellen Autoritäten und konnte den Zugang zum christlichen Gott monopolisieren.
Welche Feste wurde christianisiert?
Valentinstag
Im römischen Reich gab es das Hauptfest zu Ehren des Herdengottes Faunus, welcher den Beinamen Lupercus (deutsch: Wolfsabwehrer) hatte. Dieses Fest wurde als Lupercalia am 15. Februar gefeiert. Eng verbunden waren die Feierlichkeiten mit dem Frühlingsanfang.
Einige Historiker nehmen an, dass aus diesem Fest der christliche Valentinstag entstand, welcher am 14. Februar begangen wird. Dieser Tag wird heute zu Ehren des Heiligen Valentins gefeiert, welcher als christlicher Märtyrer gestorben sein soll. Die verschenkten Blumen am Valentinstag sind ein Relikt des römischen Frühlingsfestes.
Ostern
Ostern, das wichtigste Fest im Christentum, steht in Verbindung zum jüdischen Pessach-Fest. Zum Pessach erinnern sich Juden daran, dass Moses die Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei befreite und ins Heilige Land führte (Exodus).
Im Christentum erinnert man sich an die Kreuzigung Jesu, welche zum Pessachfest in Jerusalem geschehen sein soll. Laut den Evangelien fand das letzte Abendmahl Jesu am Gründonnerstag statt. Am Karfreitag wurde Jesus verhaftet, beschuldigt und gekreuzigt. Die Auferstehung Jesu geschah dann am Ostersonntag.
Der Name für Ostern wurde von der germanischen Frühlingsgottheit Ostara abgeleitet. So gelang es Christen, sowohl das jüdische Schutzfest als auch ein germanisches Frühlingsfest ins christliche Brauchtum aufzunehmen und christlich umzudeuten.
Markusfest
Robigalia war ein Fest im römischen Reich zu Ehren der Gottheit Robigus. Dieses Fest fand am 25. April statt. Ein Hauptritual des Festes war eine Hundeopfer, um Krankheiten und Ernteausfällen vorzubeugen. Im Christentum wurden diese Feierlichkeiten durch das Markusfest – zu Ehren des Evangelisten Markus – ersetzt.
Walpurgisnacht
In der Nacht vom 30. April zum 1. Mai wurden zu vorchristlichen Zeiten diverse Feste zur Mittsommersonnenwende gefeiert.
Im irischen Kalender entspricht dieser Tag dem Beltane. Vermutlich ist der irische Sommeranfang eine Herleitung von Belenus, dem Lichtgott aus der keltischen Mythologie.
Im Christentum wurde dieser Tag der Heiligen Walpurga gewidmet und als Walpurgisnacht gefeiert. Dies war eine Schutzpatronin und sollte die Bevölkerung vor Hexerei schützen. Zu Ehren der Walpurga werden heute Lagerfeuer entzündet.
St. Johannes Tag
Am 24. Juni wurde seit der Jungsteinzeit die Sommersonnenwende gefeiert. Ab diesem Zeitpunkt werden die Sonnentage auf der Nordhalbkugel wieder kürzer. Im Christentum widmete man diesen Tag dem Heiligen Johannes, also Johannes dem Täufer.
Laut christlichen Glauben soll Johannes die Ankunft Jesu vorbereitet haben. Damit Jesus wachsen kann, soll Johannes abnehmen. So steht es wörtlich in Johannes 3,30.
Der Sonnenzyklus der abnehmenden Sonne endet zur Wintersonnenwende (Weihnachten, Jesus Geburt). Danach werden die Sonnentage wieder länger.
Allerheiligen
Allerheiligen wird am 1. November gefeiert. An diesem Tag soll an alle Heiligen gedacht werden. Eingeführt wurde der Kirchentag im 9. Jahrhundert.
Bei den Kelten wurde in der Nacht vom 31. Oktober zum 1. November ein Fest zu Ehren der Toten gefeiert, welches als Hallowtide bezeichnet wurde. Das Überbleibsel dieses Totenfestes ist die heutige Halloween-Nacht.
Weihnachten
Weihnachten ist neben Ostern das wichtigste Fest im Christentum. Angeblich soll Jesus von Nazareth am 25. Dezember geboren wurden sein. Bei den Römern wurde an diesem Tag die Wintersonnenwende gefeiert. Im 4. Jahrhundert begann die christliche Kirche damit, den 25. Dezember als Geburtstag Jesu umzudeuten. Denn mit der Geburt Jesu endet der Sonnenkreislauf und die Tage werden wieder länger.
In heidnischen Kulturen gab es Opferbäume. So erzählt bspw. die nordische Mythologie von einer Weltenesche Yggdrasil. Und laut Berichten des Missionaren Adam von Bremen aus dem 11. Jahrhundert wurden bei Opferungen in Uppsala (Schweden) diverse Tieropfer an Bäumen aufgehangen. Der Brauch des Christbaums und des Christbaumschmucks wurde wohlmöglich von solchen Opferbäumen hergeleitet.
Welche Bedeutung haben Heilige bei der Christianisierung?
Die bekannteste Christianisierungserzählung von einer historischen Person ist die des Buddhas (Siddhartha Gautama). In der christlichen Variante wird ein indischer Prinz, namens Josaphat, vom Eremiten Barlaam zum Christentum bekehrt. Im orthodoxen Heiligenkalender wurden Barlaam und Josaphat am 26. August aufgenommen. So wurde die Lebensgeschichte des ersten Buddhas zu einer christlichen Legende.
In der Orthodoxen Kirche wird Konstantin der Große als Heiliger verehrt, da er mit der konstantinischen Wende die Grundlage für den Siegeszug des Christentums legte. Sein Heiligentag ist der 21. Mai (Vortag seines Todestages) und der 29. Januar (angebliche Erscheinung des Kreuzes).
Im Christentum gibt es den Heiligenkalender, welcher als kalendarisches Verzeichnis alle Heiligen aufführt. Über die Historizität der Heiligen wurde immer wieder diskutiert. Denn mitunter existieren keinerlei Belege für bestimmte Heilige oder es gibt zu große Überschneidungen mit früheren Gottheiten, welche vermutlich als christliche Heilige umgedeutet und übernommen wurden. Deshalb hat die katholische Kirche einige Heilige immer wieder aus dem Kalender entfernt, sobald Zweifel an deren Historizität aufkamen. Sie wurden demnach entheiligt.
Ein weitere wichtige Person in der Geschichte der Christianisierung war Chlodwig I. (fränkischer König). Dessen Bekehrungsgeschichte beginnt während der Schlacht von Zülpich im Jahr 496 gegen die Alamannen. Um einen Sieg in der Schlacht zu erringen, soll Chlodwig den Gott seiner Frau Chrodechild angerufen haben. Dieser stand ihm zur Seite und er gewann die Schlacht, welche seitdem auch als Bekehrungsschlacht bezeichnet wird.
Zwar wird Chlodwig in der katholischen Kirche nicht als Heiliger verehrt, ist aber dennoch eine zentrale Figur der christlichen Geschichte. Doch seine Frau Chrodechild, welche ihm den christlichen Glauben überhaupt erst nahebrachte, wird als Heilige verehrt. Genauso Remigius von Reims, der Bischof – welcher Chlodwig taufte.
Welche Auswirkungen hatte die Christianisierung auf die Gesellschaft?
Die Christianisierung Europas bewirkte, dass immer mehr Menschen an den christlichen Gott glaubten. Dadurch wurde Europa christlich vereint. Dies bewirkte wiederum, dass sich alle Europäer den gleichen Moralvorstellungen und gesellschaftlichen Normen unterwarfen. So entstand ein Ordnungsprinzip für Europa, welches auf einem christlichen Wertefundament aufbaute.
Begriffe, wie Abendland und Morgenland entstanden. Ersterer stand für das christliche Europa und letzterer stand für den islamisch geprägten Orient. Demnach hatten die Europäer durch die Christianisierung eine gemeinsame Identität als Bewohner des Abendlandes erhalten. Dieses Wir-Gefühl definierte sich nicht über Sprache, sondern lediglich über eine gemeinsame religiöse Kultur.
Wie beeinflusste die Christianisierung die Bildung?
Die errichteten Klöster, welche zur Verbreitung des christlichen Glaubens- und Wissensschatzes gebaut wurden, waren zugleich Bildungszentren. Deshalb hatten im Mittelalter immer mehr Menschen einen Zugang zu Bildung.
Ganze Lateinschulen entstanden im Mittelalter, welche von Klöster betrieben wurden. Die mittelalterliche Gesellschaft wurde dadurch alphabetisiert, lernte also lesen und schreiben.
Allerdings kam der wirkliche Durchbruch im Bildungsbereich erst zur Frühen Neuzeit. Denn 1455 entwickelte Johann Gutenberg den Buchdruck mit beweglichen Lettern. Ab diesen Zeitpunkt mussten Bücher nicht mehr abgeschrieben werden, wie es Jahrhunderte lang in Klöstern praktiziert wurde. Stattdessen konnten Bücher schnell und kostengünstiger nachgedruckt werden.
Diese Medienrevolution schaffte es, dass sich ein Bildungsbürgertum etablieren konnte. Dass die lateinische Schrift und das Wissen aus der Antike aber bis zur Neuzeit überdauerte, lag aber daran – dass Klöster im Mittelalter das Wissen bewahrten und Bildung förderten.
Die Methodik des Mittelalters, an Wissen zu gelangen und dieses Wissen zu hinterfragen, hieß Scholastik. Dabei wurde jegliches Wissen in einen christlichen Kontext verstanden und analysiert. Im Zuge der Renaissance geriet die Scholastik immer mehr in Kritik, da der Humanismus ein neues Menschenbild und eine damit verbundene Bildungsreform entwarf.
Welchen Einfluss hatte die Christianisierung auf Architektur und Kunst?
Vorbild sämtlicher Kirchen des Mittelalters war die römische Basilika. Insbesondere die Konstantinsbasilika in Trier und die Maxentiusbasilika in Rom dienten als Vorbild europäischer Kirchenbauten.
Im Frühmittelalter entstand so eine Architektur, welche von der römischen Bauweise inspiriert war und deshalb als Romanik bezeichnet wird. Die romanischen Kirchen bestanden aus dicken Mauern, Rundbögen und kleinen Fenstern.
Auf die Romanik folgte die Gotik mit Spitzbögen, hohen Türmen und großen Fenstern. Typisch für gotische Kirchen ist die Fenstermalerei mit Buntglasfenstern, welche biblische Erzählungen darstellen. Neben den einfachen Kirchenbauten entstanden nun auch riesige Kathedralen, welche die Überlegenheit und Macht des Christentums aber auch der Kirche als Institution demonstrieren sollten.
Die Barockzeit ab 1600 war inspiriert von der Renaissancearchitektur mit Rundkuppeln und Verzierungen. Eine Kirche sollte die Menschen beeindrucken, in den Bann ziehen und emotional berühren. Deshalb gab es in den Barockkirchen auch Deckenmalereien mit Fresken, welche von bekannten Künstlern entworfen wurden.
Im Mittelalter war die Malerei ein Handwerk und keine Kunst gewesen. Die Buntglasfenster zeigen biblische Ausschnitte mit Heiligen, welche übergroß dargestellt werden. Diese Malweise wird als Bedeutungsperspektive bezeichnet. Das heißt, diejenigen mit großer Bedeutung werden übermäßig groß dargestellt. Der mittelalterliche Maler genoss keinen Ruhm, da man davon ausging, dass dieser nur ein Erfüllungsgehilfe von Gott war.
Das Menschenbild änderte sich mit dem Renaissance-Humanismus. Fortan rückten die Maler als Persönlichkeiten in den Vordergrund. Sie wurden berühmt. Gleichzeitig traten neben der Kirche und auch weltliche Herrscher als Auftraggeber auf. Somit entstanden Gemälde, welche den weltlichen Herrscher in einer Bibelgeschichte oder einem christlichen Kontext zeigten. Die Renaissancekunst wollte dabei möglichst genau sein, setzte Geometrie und Berechnungen in der Malerei ein. Die Bedeutungsperspektive wurde durch die Zentralperspektive mit räumlicher Darstellung ersetzt.
Welchen Einfluss hatte die Christianisierung auf die Literatur?
Die frühmittelalterliche Literatur ist die erste Literaturepoche der deutschen Literaturgeschichte. Diese Literaturepoche begann zu Zeiten von Karl dem Großen (reg. 768-814). Es entstanden Kirchentexte in althochdeutscher Sprache.
Zu den ersten Texte gehören Übersetzungen, welche schreibkundige Benediktinermönche aus der lateinischen Schriftsprache in die althochdeutsche Sprache übersetzten. Oft handelt es sich dabei um Gebetsformeln, Anweisungen für die Taufe oder Psalmen.
Der älteste bekannte deutsche Dichter ist Otfrid von Weißenburg (790–875), welcher das Evangelienbuch vom Lateinischen ins Althochdeute übersetzte. Ein weiterer Bibelübersetzer war Williram von Ebersberg (1010–1085), welcher einen umfassenden Bibelkommentar (Expositio in cantica canticorum) hinterließ. Viele Texte blieben allerdings anonym.
Zu den bekanntesten Werken des Frühmittelalters gehören das Sächsische Taufgelöbnis, die Merseburger Zaubersprüche und das Hildebrandslied.
Im Hochmittelalter entstanden Minnegesänge, welche die Kreuzzüge und Kreuzfahrten, lyrisch in Szene setzten. Die Lyrik wird geprägt durch Dichter, wie Walther von der Vogelweide (1170–1230), Gottfried von Straßburg (um 1250) oder Ulrich von Liechtenstein. In dieser Zeit wandelte sich die Sprache vom althochdeutschen zum mittelhochdeutschen.
Ins Spätmittelalter gehören Autoren, wie Heinrich von Meißen (1250 bis 1318), welcher zahlreiche Liederhandschriften hinterließ und Johannes von Tepl (1450 bis 1414). Von letzterem stammt „Der Ackermann aus Böhmen“. Dabei handelt es sich um einen handschriftlichen Holzschnitt. Die Handlung des Textes beschreibt einen Ackerbauern, welcher sich gegen den Tod seiner Frau auflehnt und deshalb den Tod verklagen will. Erstmals in der deutschen Literatur wird die Auflehnung gegen den Tod beschrieben und somit die Allmacht Gottes in Frage gestellt.
Welchen Einfluss hatte die Christianisierung auf die übrige Kultur?
Musik spielte im christlichen Frühmittelalter eine besondere Rolle. Die frühen Christen übernahmen Elemente des jüdischen Psalmengesangs. Dabei sollte die Kirchenmusik die Menschen berühren, sie emotional fesseln und der gemeinschaftliche Gesang sollte verbindend auf die christliche Wertegemeinschaft wirken. Gleichzeitig sollten religiöse Inhalte musikalisch bzw. gesanglich vermittelt werden, wodurch diese besser im Gedächtnis bleiben.
Das Zusammenleben der Menschen wurde durch einen christlichen Wertekanon geprägt. Oberste Werte waren Nächstenliebe, Vergebung und Barmherzigkeit. Diese Werte hatte schon Jesus von Nazareth gepredigt, weshalb Kirchenprediger des Mittelalters diese bedenkenlos übernahmen.
Mittels dem Wert der Nächstenliebe sammelte die Kirche diverse Spenden für Arme. Das Kirchenasyl entstand bereits in der Spätantike und im Mittelalter gewährte die Kirche denjenigen einen Schutzraum, die vor weltlicher Strafverfolgung oder Gewalt Schutz suchten.
Die Vergebung wurde zu einem obersten Prinzip der christlichen Gemeinschaft. Um Sünden zu vergeben, wurde gebeichtet. Durch den Ablass wurden die Sündenstrafen erlassen. Im Hoch- und Spätmittelalter entstand daraus ein Ablasshandel, welchen Martin Luther mit seinen 95 Thesen anklagte. Dies führte ab 1517 zu einer Reformation und zu Kirchenspaltung, weshalb der Protestantismus als christliche Konfession entstand.
Aus dem Prinzip der Barmherzigkeit heraus entstanden Hospitäler, in denen Kranke versorgt wurden. Aber auch Klöster verschafften Unterkunft und waren Zufluchtsorte. Die dort ansässigen Nonnen und Mönche halfen Kranken und Schutzbedürftigen.
Welche Bedeutung hatte die Christianisierung für die Herrscher?
Die Christianisierung brachte Vor- und Nachteile für die herrschende Elite. So konnte sich ein christlicher Herrscher mit der Kirche als Institution verbinden, wodurch er seine Stellung gegenüber dem Adel stärken konnte. Gleichzeitig war er aber auch abhängig vom Wohlwollen der Bischöfe, des Papstes und anderer Geistlicher.
Durch den christlichen Glauben und die Anerkennung des Papstes konnte ein weltlicher Herrscher, seinen Herrschaftsanspruch als gottgegebenes Recht bzw. Pflicht behaupten. Gleichzeitig musste er als Diener Gottes auf Erden sämtliche Ressourcen aufbringen, um Gotteswillen durchzusetzen. Dazu gehörte die Mobilmachung für die Kreuzzüge, aber auch Spenden für die Kirche oder ein neuer Kirchenbau.
Der Einfluss der Kirche bewirkte immer auch einen Machtverlust für den weltlichen Herrscher. Einer der Höhepunkte im Wettstreit zwischen geistlicher und weltlicher Macht war der Investiturstreit zwischen dem deutschen König Heinrich IV. und Papst Gregor VII.. Jener Streit begann 1075 und hatte zur Folge, dass der König den Papst absetzte und umgekehrt. Der Bußgang nach Canossa im Jahr 1077 beendete den Machtkampf zwischen König und Kirche.
Welche Rolle spielten Papst und Kirchenstaat bei der Christianisierung?
Der Kirchenstaat wurde im 8. Jahrhundert gegründet. Das weltliche Herrschaftsgebiet des Kirchenstaates beschränkte sich auf die Stadt Rom und umliegende Gebiete. Oberhaupt und Führer des Kirchenstaates war der Papst (Bischof von Rom).
Im Mittelalter eroberte der Kirchenstaat weitere Gebiete oder erhielt diese als Schenkung von weltlichen Herrschern. Als Gegenleistung sprach sich der Papst für den Herrschaftsanspruch des weltlichen Herrschers aus. Symbolisch wurde diese päpstliche Hingabe mit der Kaiserkrönung gewürdigt.
Der Papst galt als Oberhaupt der Kirche, der Christenheit und als Vertreter von Gott auf Erden. Demnach konnte er den Willen Gottes aussprechen und durchsetzen lassen. Seine Untergebenen waren faktisch alle Menschen, welche im Christentum vereint waren.
Während der Christianisierung unterstützten Papst und Kirchenstaat die Missionarstätigkeit durch Spenden oder durch Zuspruch. Der Papst versuchte, gemeinsame christliche Regeln und Vorstellungen in Europa durchzusetzen. Gleichzeitig konnte er seine Macht durchsetzen, indem er einen Herrscher absegnete oder seinen Segen entzog. Als Landbesitzer war der Papst auch Lehensgeber. So entstand bspw. das Königreich Neapel aus einem päpstliche Lehensanspruch.
Mittels päpstlicher Bullen konnte der Papst seine Gesetze verkünden und durchsetzen. So konnte der Papst mittels päpstlicher Bullen zu den Kreuzzügen aufrufen, was eine Mobilmachung in den weltlichen Reichen zur Folge hatte. Mittels Bullen konnte er die Gründung von neuen Bistümern beschließen oder absegnen, Herrschaftsansprüche bestätigen oder politische Entscheidungen beeinflussen.
Welche Bedeutung hatte die Inquisition bei der Christianisierung?
Die Inquisition war eine kirchliche Institution des Mittelalters. Sie diente der Bekämpfung der Häresie (Ketzerei). Die Ketzer bzw. Häretiker waren sämtliche Abweichler, welche sich entweder vom christlichen Glauben abwandten oder die kirchliche Institution in Frage stellten. Demnach waren auch Prediger, wie Jan Hus, Martin Luther oder Girolamo Savonarola solche Abweichler, welcher von der Kirche verfolgt wurden.
Die Inquisition war demnach keine Institution, um den christlichen Glauben auszuweiten, sondern diente dagegen vor allem dazu, bereits christlich geprägte Gesellschaften auf den katholischen Glauben auszurichten und abweichende Glaubensrichtungen zu bekämpfen.
Zeittafel und Chronologie
| Im Jahr 30 oder 33 wird Jesus von Nazareth in Jerusalem gekreuzigt. Sein Todesurteil wurde durch den römischen Präfekten Pontius Pilatus ausgesprochen. Angeblich soll Jesus nach drei Tagen wieder auferstanden sein. Die Kreuzigung Jesu geschah am Karfreitag und am Ostersonntag wurde das Grab Jesu leer vorgefunden. Mit der Auferstehung begann die Wundererzählung um Jesu und die Geburtsstunde des Christentums. |
| Nach Jesus Tod beginnt in Jerusalem, sich eine Jesusbewegung zu formieren. Angeführt wird die Jerusalemer Urgemeinde durch Simon Petrus. |
| Im Jahr 36 wird Stephanus, ein Diakon der Jerusalemer Urgemeinde, in Jerusalem angeklagt und hingerichtet. Er gilt als erster hingerichteter Christ der Geschichte und wird deshalb auch als Erzmärtyrer genannt. |
| Um 36 n. Chr. erlebt der Christenverfolger Paulus von Tarsus ein Erwachungserlebnis. Angeblich soll der auferstandene Jesus ihm auf den Weg nach Damaskus begegnet sein. Ursprünglich war Paulus ein radikaler Pharisäer mit römischem Bürgerrecht. Fortan verstand er sich als von Gott berufener Apostel des Evangeliums für die Heidenvölker. Er missionierte im östlichen Mittelmeerraum und gründete dort einige christliche Gemeinden. |
| Der Religionssoziologe Rodney Stark nimmt für das Jahr 40 eine Gesamtzahl von etwa 1.000 Christen an. Er schlug ein Rechenmodell vor, welches von einem gleichmäßigen Wachstum von 40 Prozent innerhalb von zehn Jahren ausgeht. Bis zum Jahr 150 soll demnach die Gesamtzahl Christen auf etwa 40.000 angewachsen sein. |
| Im Jahr 44 beginnt die Christenverfolgung in Judäa durch den von Rom eingesetzten König Herodes Agrippa I.. Er lässt den Apostel Jakobus den Älteren enthaupten und Simon Petrus wird gefangen genommen. |
| Zwischen 45 und 53 wird Simon Petrus der erste Patriarch von Antiochia am Orontes (heutige Antakya, Türkei). Um das Jahr 100 wird Antiochia zur drittgrößte Stadt der Welt hinter Rom und Alexandria. |
| Im Jahr 62 wird Jakobus der Gerechte, ein Bruder Jesu und der damalige Leiter der Urgemeinde, in Jerusalem gesteinigt. |
| Um das Jahr 65 bis 80 entsteht das Markusevangelium, welches als ältestes der vier Evangelien gilt. Es diente anderen beiden Evangelien, den sogenannten "Großevangelien" des Matthäus und Lukas, als Vorlage. Diese entstanden im Zeitraum zwischen den Jahren 80 und 90 n. Chr. |
| Laut altkirchlicher Tradition war Simon Petrus bis 67 n. Chr. der erste Bischof von Rom (Papst). Der Ursprung des Bischofssitzes in Rom wird nach 53 vermutet, da Simon bis zu diesem Zeitpunkt der Patriarch von Antiochia war. |
| Um das Jahr 100 wurde das Christsein im Römischen Reich als Verbrechen erklärt, welches die die Todesstrafe nach sich zog. |
| Für das Jahr 177 sind die Märtyrerakten von Lyon und Vienne belegt. In Nordafrika sind die Akten der Märtyrer von Scili aus dem Jahr 180 das früheste Zeugnis für Christen. |
| Aus dem 2. Jahrhundert sind christliche Papyri aus Ägypten erhalten. Die erste christliche Gemeinde in Alexandria entstand aber erst am Ende des zweiten Jahrhunderts. |
| Unter Kaiser Valerian (reg. 253–260) wurden Christen zu Sündenböcken im römischen Reich erklärt, welche daran schuld seien, dass Sassaniden, Goten oder Sarmaten das Reich angriffen. |
| Im Jahr 303 beginnt im Römischen Reich eine reichsweite Christenverfolgung. Initiator der Christenverfolgung ist Kaiser Diokletian. Sein Ziel war die endgültige Zerschlagung der Kirche. |
| Zwischen 301 und 314/315 wurde das Königreich Armenien christianisiert. |
| In der Schlacht an der Milvischen Brücke am 28. Oktober 312 besiegt Konstantin seinen Rivalen Maxentius. Als Zeichen seines Sieges soll er ein Christenkreuz gesehen haben. Christliche Autoren deuteten dieses Kreuz als Zeichen für Gottes Beistand. In der Folge beginnt die Zeit der Konstantinische Wende, in welcher Christen im römischen Reich nicht länger verfolgt werden. |
| Um 330 wird im Königreich Aksum in Ostafrika das Christentum etabliert. Die Christianisierung beginnt mit dem Übertritt König Ezanas zum Christentum. Fortan etabliert sich das Aksumitische Reich als Handelspartner der Römer. In der Folge entsteht so die Äthiopisch-Orthodoxe Tewahedo-Kirche. |
| Am 28. Februar 380 erklären die römischen Kaiser Theodosius I., Gratian und Valentinian II. das Christentum zur römischen Staatsreligion. |
| Im Jahr 391 werden sämtliche heidnischen Kulte, welche nicht christlich sind, durch Kaiser Theodosius I. im römischen Reich verboten. |
| Im Jahr 432 entsandte Papst Coelestin I. den Heiligen Patrick nach Irland. Dieser baut dort Klöster, Schulen und Kirchen, darunter als Mutterkirche die Kathedrale von Armagh. Mit der Entsendung Patricks beginnt die Christianisierung Irlands. In der Folge entsteht die eigenständige Irische Kirche und das keltische Christentum. |
| Im Jahr 496 tritt der fränkische Herrscher Chlodwig I. zum Christentum über. In der Folge wird das Frankenreich ein christlicher Staat. Die Taufe Chlodwigs wird im Jahr 499 vollzogen. |
| Im Jahr 601 gibt Papst Gregor der Große die Anweisung heraus, heidnische Kultstätten nicht länger zu zerstören, sondern diese stattdessen als christliche Heiligtümer umzudeuten. |
| Im Jahr 635 kommen die ersten christlichen Missionare aus der Kirche des Ostens in China an. Während der Herrschaftszeit der Tang-Dynastie breitet sich das Christentum entlang der Seidenstraße aus und erreicht im 10. Jahrhundert auch die Mongolei. |
| Im Jahr 711 landen muslimische Invasoren, unter Führung von Tariq ibn Ziyad, von Marokko ausgehend in Andalusien. Auf der Iberischen Halbinsel schlagen sie die Westgoten, welche von Roderich angeführt werden. Damit erreicht die Islamische Expansion auch Europa. Die Schlacht am Río Guadalete endet vernichtend für die christlichen Westgoten. In der Folge können sich die muslimischen Mauren und Berber immer weiter auf der Iberischen Halbinsel ausbreiten. Die Iberische Halbinsel wird für die nächsten siebenhundert Jahre ein Teil der muslimischen Welt bleiben. |
| Mit der Schlacht von Covadonga im Jahr 722 beginnt die Reconquista der Iberischen Halbinsel. Gemeint ist die christliche Rückeroberung des heutigen Spaniens und Portugals. Doch die Muslime können Teile der Iberischen Halbinsel bis 1492 kontrollieren. |
| Im Jahr 772 beginnen die Sachsenkriege Karl des Großen. Diese Kriege dauern bis etwa 804 an. Während der Eroberung des Sachsenreiches lässt Karl die sächsische Bevölkerung massenhaft taufen. Die erste Massentaufe vollzieht Karl an den Lippequellen bei Bad Lippspringe im Jahr 776. Ein Jahr später erfolgt die Massentaufe bei der Reichsversammlung in Paderborn, bei der sich zahlreiche sächsische Adlige taufen ließen. Im Jahr 785 lässt sich der Sachsenführer Widukind in Attigny ebenfalls taufen. |
| Im Jahr 820 beginnt die Christianisierung Skandinaviens. Die Missionsbemühungen gehen vom Erzbistum Hamburg bzw. Bremen aus. Eine wichtige Rolle hierbei spielt der Missionsbischof Ansgar von Bremen. |
| Im Jahr 864 lässt sich Knjas Boris I. von Bulgarien taufen. Damit beginnt die Christianisierung Bulgariens und die staatliche Zurückdrängung des slawischen Heidentums in Osteuropa. Unter Boris Sohn, Simeon der Große, wird Bulgarien endgültig christianisiert. |
| Photios I., der Patriarch von Konstantinopel, entsendet im 9. Jahrhundert die ersten Missionare nach Russland. |
| Im 10. Jahrhundert beginnt die Hochmittelalterlichen Ostsiedlung. Dabei wurden die Völker des Baltikums - wie die Prußen oder Letten - zwangschristianisiert. Insbesondere die Christianisierung der Elbslawen bereit Probleme. Ein Slawenaufstand von 983 wirft die Christianisierungspläne um etwa 200 Jahre zurück. Die Zeit der Deutschen Ostsiedlung endet im 13. Jahrhundert. Das Großfürstentum Litauen kann nicht erobert werden. Erst im 14. Jahrhundert wird dort der Übergang zum Christentum vollzogen. |
| Im Jahr 917 erklärt sich die Bulgarische Kirche als unabhängig und schafft ein eigenes Patriarchat. |
| Im Jahr 935 wird der christliche Herrscher Wenzel von Böhmen von seinem Bruder Boleslav I. ermordet. Dieser etabliert das Heidentum in Böhmen erneut. Auf Boleslav folgt dessen Sohn Boleslav II. ab 972, welcher das Christentum wieder aktiv fördert. |
| Mitte des zehnten Jahrhunderts gab es in der RUS-Hauptstadt Kiew eine christliche Kirche. Die Großfürstin Olga von Kiew ließ sich zwischen 946 und 957 taufen. |
| Im Jahr 950 gelangen die Übersetzungen von Kyrill und Method in die Reiche der RUS. Dort bildet sich das orthodoxe Christentum als Staatsreligion heraus. In der Kiewer Rus setzt Großfürst Wladimir der Großen den christlichen Glauben ab 988 als Einheitsreligion durch. Damit beginnt die endgültige Christianisierung der RUS-Staaten. |
| Durch die Einnahme Granadas am 2. Januar 1492 endet die Reconquista auf der Iberischen Halbinsel. Als Sieger gehen die katholischen Könige Königin Isabella I. von Kastilien und Ferdinand II. von Aragon hervor. Damit ist die Verdrängung des Islams in Europa abgeschlossen. |
| In der Bulle Inter caetera vom 3. Mai 1493 übertrug Papst Alexander VI. den derzeitigen und zukünftigen Herrschern von Kastilien und Leon die Länder, welche von Christoph Kolumbus entdeckt worden waren. Die katholischen Könige erhalten vom Papst die Aufgabe, den katholischen Glauben in die Neue Welt zu tragen. |
| Die Katholische Kirche missionierte in den indianischen Sprachen Quechua, Nahuatl und Guaraní, trug so zu deren Verbreitung bei und stattete sie mit einer Schrift aus. Eine der ersten Schulen für Indianer wurde 1523 von Bruder Pedro de Gante gegründet. |
| 1521 begann die Christianisierung der Philippinen durch die Ankunft von Ferdinand Magellan. |
