Geburtsgöttin
Eine Geburtsgöttin bzw. Göttin der Geburt ist in vielen Mythologien und Religionen eine Gottheit, welche mit Geburt und Mutterschaft in Verbindung steht. In vielen Mythologien gibt es Überschneidungen zu Ehegöttinnen oder Schutzgöttinnen der häuslichen Gemeinschaft.
Viele Geburtsgöttinnen wurden auch als Lebensspenderin (Fruchtbarkeitsgöttin), Göttermutter oder als Muttergöttinnen verehrt. Sie galten als Schutzgöttin gebärender Frauen, als Geburtshelferin oder als Gottheiten, welche dem Neugeborenen das Leben einhauchen. Viele Mythologie kennen zudem Schicksalsgöttinnen, welche das Schicksal eines Neugeboren zur Geburt festlegten.
Steckbrief
| ägyptisch: | Taweret, Mesechenet, Heket, Isis, Bes, Hathor |
| aztekisch: | Xochiquetzal, Toci, Coatlicue |
| baltisch: | Laima, Saule |
| griechisch: | Eileithyia, Hera, Artemis, Rhea, Gaia |
| hawaiianisch: | Haumea |
| indisch: | Sinivali, Sarasvati |
| keltisch: | Brigid |
| Maya: | Akna, Ixchel |
| nordisch: | Frigg |
| nordamerikanisch: | Kokopelli, Kokopelmana |
| persisch: | Anahita |
| römisch: | Carmenta, Juno, Lucina, Diana, Tellus |
Welche Bedeutung hatte eine Geburtsgöttin?
Bis zum Ende des Mittelalters gab es für schwangere Frauen nur wenig Möglichkeiten der medizinischen Versorgung. Die Müttersterblichkeitsrate war dementsprechend hoch. Deshalb baten werdende Mütter bei Göttinnen um Schutz für ihre Schwangerschaft und Geburt.
Warum hatten sämtlichen Kulturen in der Antike eine Geburtsgöttin?
In der Antike gab es bereits eine Form der Geburtshilfe. Das Wissen wurde von der Mutter an die Tochter weitergegeben und bestand lediglich aus Erfahrungswerten. Daraus entstand der Beruf der Hebamme, eines der ältesten Berufsfelder überhaupt. Die Hebammen übten ihre Fähigkeiten meist in Tempeln aus, weshalb der Beistand der Gottheiten erfleht und deren Anwesenheit im Tempel angenommen wurde.
Hippokrates von Kos legte im 4. Jahrhundert v. Chr. die Grundlagen der wissenschaftlichen Medizin fest, wodurch auch die Geburtshilfe den Status einer medizinischen Kunst erlangte. Dennoch blieb das Wissen von Hebammen erfahrungsbasiert und die Frauen lernten autodidaktisch. Erst in der römischen Kaiserzeit eröffneten Hebammenschulen, in den nicht nur Matronen, sondern auch Ärzte unterrichteten.
Im Frühmittelalter entstanden zwar christliche Krankenhäuser. Aber die Hebammentätigkeit wurde weiterhin durch Frauen ausgeführt, welche von Magie, Aberglauben und religiösen Riten angezogen wurden. Erst durch den Einfluss der islamischen Medizin entwickelte sich in Europa eine fortschrittlichere Geburtshilfe.
Welche Bedeutung hatten die Geburtsgöttinnen neben der Entbindung?
Geburtsgöttinnen waren meist auch für Fruchtbarkeit, für den Schutz der Mutter, den Schutz der Kleinkinder und den Schutz der Nachkommenschaft verantwortlich. Der letzte Punkt war auch von rechtlicher Bedeutung, da die legitime Nachkommenschaft die Besitzverhältnisse und auch die politische Partizipation klärte. Insbesondere in Athen war dies von Bedeutung, wo nur Athener zur Athenischen Demokratie beitragen konnten. Der Schutz dieser Werte und Moralvorstellungen unterstand den Ehegöttinnen – welche häufig auch als Geburtsgöttinnen auftraten.
Welche Geburtsgöttinnen gab es im griechischen Götterbild?
In der griechischen Mythologie war Eileithyia die Göttin der Geburt. Sie war Tochter vom Göttervater Zeus und der Göttermutter Hera. Aber auch Hera, welche eigentlich Schutzgöttin der Ehe war, wird ebenfalls als Schutzgöttin gebärender Frauen erwähnt.
Eine weitere Geburtshelferin war die jungfräuliche Göttin Artemis, die eigentlich eine Jagdgöttin war. Aber Artemis half ihrer Mutter Leto dabei, ihren Zwillingsbruder Apollon aus dem Mutterleib zu ziehen. Deshalb wurde sie bei den alten Griechen auch als Göttin der Geburt und der Kinderpflege verehrt.
Auch Rhea, eine Titanide – welche die ersten Olympier geboren hatte – wurde mit Geburt und Mutterschaft in Verbindung gebracht. Laut den griechischen Mythen soll sie ihren Gemahl Kronos überlistet haben, so dass dieser ihr jüngstes Kind Zeus nicht verschlingen konnte.
Welche Geburtsgöttinnen gab es im römischen Pantheon?
Im römischen Pantheon war Lucina die Geburtsgöttin. Diese war eine Weiterentwicklung der Juno, welche als Ehegöttin der griechischen Hera entsprach. Als Juno Lucina schützte sie das Leben von verheirateten Frauen, die sich in den Wehen befanden.
Die römische Geburtsgöttin Carmenta schützte das Leben von Müttern und Kindern, hatte aber darüber hinaus auch noch Fähigkeiten zur Prophezeiung. Die Schicksalsgöttinnen (Parzen) Nona und Decima personifizierten die Geburtsmonate neun und zehn.
Welche Geburtsgöttinnen verehrten die alten Ägypter?
In der ägyptischen Mythologie gab es drei oder vier Geburtsgöttinnen. So war Taweret die Schutzgöttin der Schwangeren. Die zweite Göttin war Mesechenet, welche dem neugeborenen Kind das Leben einhauchte. Bei schwierigen Geburten riefen die alten Ägypter zudem Isis an, um Beistand zu erbitten. Die Göttin Heket, welche als froschköpfige Frau identifiziert wurde, stand für den Moment des Schlüpfens bzw. der Geburt.
Welche Geburtsgöttinnen riefen die Wikinger und Germanen?
In der nordischen Mythologie wird Frigg als Geburtsgöttin erwähnt. Sie war Ehefrau von Odin, der höchsten Gottheit des nordischen Pantheons. Während der Geburt riefen Frauen die Frigg an, um deren Beistand zu erbitten. Laut nordischen Mythen sollen Frauen das Friggjargras (Gras der Frigg) zu sich genommen haben, um ihre Geburtsschmerzen zu lindern. Allerdings ist nicht überliefert, welches Kraut dies gewesen sein könnte. Heute wird es mit Frauenmantel (Alchemilla) in Verbindung gebracht.
Nach der Geburt erschienen die Nornen und begannen damit, den Schicksalsfaden für den Neugeboren zu spinnen. Damit war der Lebensfaden und die Zukunft des Säuglings direkt bei der Geburt festgelegt worden.
Welche Geburtsgöttin hatten die Kelten?
In der keltischen Mythologie wird Brigid als Schutzgöttin der Geburt und der Frauen im Wochenbett erwähnt. Sie war zudem eine Heilungsgöttin, Göttin des Frühlings und Fruchtbarkeitsgöttin. In Kildare (Irland) stand ihr Heiligtum, wo ihr heiliges Feuer gehütet wurde.
Welche Geburtsgöttin verehrten die Perser?
In Persien wurde Anahita als Geburtsgöttin verehrt. Sie war außerdem die Göttin der Schönheit, des Wassers, der Fruchtbarkeit und Heilung. Im Avesta, der heiligen Schrift des Zoroastrismus, ist der Göttin ein ganzes Kapitel gewidmet.
Man nimmt an, dass sich Anahita aus einer indo-iranischen Gottheit des Wassers entwickelt hatte, der die Quelle aller Wasser der Welt war und somit mit Fruchtbarkeit und Fortpflanzung verbunden war. Im Achämenidenreich war der Kult um Anahita weit verbreitet und bestand auch noch im Partherreich. Die Sassaniden, also die letzte vorislamische Dynastie Persiens, waren ursprünglich Priester von Anahita.
Welche Geburtsgötter hatten die Balten?
In der baltischen Mythologie werden Laima und Saulė erwähnt. Erstere war eine Schicksalsgöttin, welche mit Glück und Unglück, aber auch mit Fehlgeburten und Tod in Verbindung gebracht wurde. Unter ihrem Schutz standen alle werdenden Mütter im fortgeschrittenen Schwangerschaftsstadium.
Eine zweite Göttin war Saule, die eigentlich eine Sonnengöttin in der litauischen und lettischen Mythologie war. Dort gilt sie als Herrin des Lebens und Gesundheit. Aber sie tritt auch als Schutzpatronin aller Waisenkinder auf.
Wer ist Geburtsgöttin der Maya-Mythologie?
Die Maya-Mythologie kennt zwei Geburtsgöttinnen, die Göttin Akna und Ixchel. Letztere war eine Mondgöttin, die mit Geburtshilfe und Medizin in Verbindung gebracht wurde.
Welche aztekische Göttin wird mit Geburt verknüpft?
Im aztekischen Pantheon war Coatlicue eine Schlangengöttin, aber auch Lebens- und Fruchtbarkeitsgöttin. Sie gilt als diejenige, welche die Sterne und den Mond geboren hatte. Weiterhin war sie die Schutzpatronin aller Frauen, welche bei der Geburt starben.
Eine weitere Göttin der Azteken war Xochiquetzal. Sie galt als die Beschützerin junger Mütter. Unter ihrem Schutz stand die gesamte Schwangerschaft und Geburt.
Wer ist Geburtsgöttin der Hindus?
Im Hinduismus wird Sinivali als Göttin erwähnt, welche zu einer leichten Geburt behilflich sein kann. Zusammen mit Sarasvati wird Sinivali angerufen, um den Fötus korrekt in den Mutterleib zu legen. Mitunter wird Sinivali auch mit der Göttin Lakshmi identifiziert.
Welche Symbole werden am häufigsten mit Geburtsgöttinnen in Verbindung gebracht?
Die Fackel war das Symbol der Juno Lucina (lux = Licht). In dieser Symbolik wurde die Geburt mit dem Licht der Welt assoziiert. Noch heute existieren Redewendungen, wie „das Licht der Welt erblicken„, welche mit der Geburt assoziiert werden. Auch unter einem „schlechten Licht stehen“ deutet auf eine schlimme Vorahnung hin und kann eine komplizierte Geburt bedeuten.
Ein weiteres Symbol der Geburtsgöttinnen war der Knoten. Ein gelöster Gürtel oder gelöster Knoten steht für eine leichte Entbindung. Laut den griechischen Mythen wurde die Geburt verzögert, wenn Eileithyia die Arme oder Beine kreuzte. Hera nutzte diesen Umstand aus, um die Geburt von Herakles tagelang hinauszuzögern. Gleichzeitig beschleunigte sie die Geburt von Eurystheus, so dass dieser der erstgeborene Nachfahr aus dem Geschlecht von Perseus war, welcher somit den Thron von Mykene erhielt.
Der römische Schriftsteller Plinius der Ältere (1. Jahrhundert) berichtete in seiner Naturalis Historia über verschiedene Vorstellungen, nach denen bestimmte Knoten und Bindungen bei einer Geburt vermieden werden sollten. Ähnliches berichtete auch Aulus Gellius (2. Jahrhundert). Der gelöste Knoten bedeutete Öffnung und Befreiung. Deshalb wurden bei der Geburt sämtliche Knoten und Schleifen im Geburtshaus gelöst, so dass die Energie der Geburtsgöttin fließen konnte (Knotentabu).
Ein weiteres Symbol ist der Schlüssel, mit dem der Muttermund geöffnet werden sollte. In den nordischen Mythendarstellungen wird Frigg zudem mit Webstuhl gezeigt, da die Nornen bei Geburt des Kindes den Schicksalsfaden weben sollen.
Warum wurden in manchen Kulturen die Frauen, welche bei der Geburt starben, als Heldinnen verehrt?
In der aztekischen Mythologie sind die Cihuateteo eine Gruppe von Geistwesen. Es sind Geister jener Frauen, die bei der Geburt ihres ersten Kindes verstorben waren. Durch diesen Umstand erfuhren die gestorbenen Frauen den gleichen Ruhm wie gefallene Krieger. Denn ihr Wille und Kampf, neues Leben zu gebären, galt als gleichwertig zum Kampf auf dem Schlachtfeld.
Gab es auch männliche Geburtsgötter?
Im ägyptischen Pantheon galt die männliche Gottheit Bes als Schutzpatron von Zeugung und Geburt. Sein weibliches Gegenstück war die Göttin Beset aus griechisch-römischen Zeiten im Alten Ägypten.
In ägyptischen Abbildungen wird Bes häufig in Frauengemächern dargestellt. Dort sollte er böse Geister aus dem Haus fernhalten und war so Beschützer der Schwangeren, Wöchnerin und der Neugeborenen.
In späteren Zeiten wurde er als Schutzgott der Pharaonen gesehen, welcher bei der Geburt des Königs anwesend war und den Nachkommen bis ans Lebensende begleitete. In dieser Rolle soll Bes bei der Geburt von Königin Hatschepsut anwesend gewesen sein.
Wie wandelte sich das Bild der Geburtsgöttin im Christentum?
Im Christentum war die Heilige Anna, also die Mutter von Maria und Großmutter von Jesus, eine Schutzpatronin der Schwangeren. Die Heilige Katharina von Schweden (Katharina von Vadstena) gilt im Christentum als Schutzpatronin gegen Abtreibung und Fehlgeburten.
Bruder Gerhard Majella gilt als Patron der geborenen und ungeborenen Kinder sowie der Mütter. Die Schutzpatronin der Schwangeren während der Geburt ist Juliana von Nikomedia, genauso wie Margareta von Antiochia. Als Schutzpatron der Hebammen wird im Christentum der heilige Raimund Nonnatus genannt.
Gibt es moderne Rezeptionen von Geburtsgöttinnen?
Im Neopaganismus werden Göttinnen in ihrer Dreifaltigkeit (Jungfrau, Mutter, Weise bzw. Alte) verehrt. Die Wicca-Religion ist eine dieser neopaganen Bewegungen. Insbesondere Isis und Gaia werden als Symbole weiblicher Schöpfungskraft gefeiert. Weitere Göttinnen im Neuheidentum sind Artemis, Hera, Juno, Brigid, Hathor oder Demeter.
Die Göttinnen werden nicht gleichgesetzt. Stattdessen wählen die verschiedenen Wicca-Traditionen eine Göttin aus. Dabei greift Wicca zwar auf Motive und Gottheiten verschiedener älterer Religionen zurück, doch interpretiert sie innerhalb eines modernen religiösen Systems neu. Gerade die Geburt als Ausdruck weiblicher Schöpferkraft ist dabei ein zentrales Motiv. Denn laut der Wicca-Vorstellung ist die Göttin die Quelle des Lebens, der Natur und der Erneuerung.