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Erdgöttinnen


Die Erdgöttin – auch als Erdmutter oder Erdherrin bezeichnet – ist in zahlreichen Mythologien und Religionen eine Gottheit, welche als personifizierte Erde erscheint.

In den meisten Mythologien taucht die Erdgöttin bereits zum Beginn der Kosmogonie und den Schöpfungsmythen auf. Dabei ist die Gottheit meist weiblich. Allerdings gibt es auch Erdväter, Erdgötter und Erdherren – bspw. in der Mythenwelt der alten Ägypter. Beide erscheinen so als Urgötter-Paar, von denen die späteren Götter abstammen.

In der Religionsgeschichte ist die Muttergöttin oder die Große Mutter die Entsprechung für historisch belegte oder hypothetische Erdgöttinnen verschiedener Kulturen der Urgeschichte und Frühgeschichte.

In Mythologien tritt die Erdmutter meist in Begleitung eines Himmelsgottes auf, welcher ihr Gegenstück ist. Zusammen zeugen sie dann die physische Welt zwischen Himmel und Erde. Analog zur Mutter wird der Himmel dann als Himmelsvater bezeichnet.

Zu den bekanntesten Erdgöttinnen gehört Gaia aus der griechischen Mythologie und deren römisches Pendant Tellus, welche unter der lateinische Bezeichnung Terra Mater (Mutter Erde) auftritt. In der etruskischen Mythologie war die Erdmutter als Cel bekannt. Das ägyptische Pantheon erwähnt Geb als männlichen Erdgott und Nut als weibliche Himmelsgottheit.

Im Chthonismus steht die Verehrung der Erde im Mittelpunkt der Weltanschauung. Möglichweise fand solch eine Erdverehrung auch bei den ersten Agrarkulturen der Jungsteinzeit statt. Bei heutigen Pflanzerkulturen gilt die Erdmutter weiterhin als Symbol der Fruchtbarkeit und als anbetungswürdig.

In den 1970er Jahren entwarfen die Wissenschaftler Lynn Margulis und James Lovelock die Gaia-Hypothese. Bei ihrem Denkansatz setzten sie die Erde mit einem Organismus gleich.

Steckbrief

Erdgötter
ägyptisch:Geb
aztekisch:Coatlicue
griechisch:Demeter, Gaia,
indisch:Prithivi
Inka:Pachamama
litauisch:Žemyna
Māori:Papa, Papahanaumoku
Maya:Ix Chel
römisch: Tellus, Ceres
slawisch:Mokosch

Wie entstanden die Mythen von der Erdmutter?

Die Entstehung von Spiritualität und Mythen ist eng mit der Menschheitsgeschichte verknüpft. Man geht davon aus, dass die ursprünglichste Religion der Animismus war. Die Menschen in der Steinzeit glaubten daran, dass jeder Stein, der Wind oder irgendeine andere Sache aus der Natur belebt sei.

In diesem animistischen System galt auch die Erde und der Himmel als belebte Konzepte, welche durch einen Geist beseelt waren. Letztlich können die Naturgottheiten im späteren Polytheismus der Bronzezeit aus einem animistischen System entnommen und weiterentwickelt worden sein. Die Personifizierung einer Erde entstand demnach wohlmöglich bereits in der Steinzeit.

Anzunehmen ist, dass eine hypothetische Erdmutter in der Altsteinzeit keine so außerordentliche Stellung hatte, wie in der Jungsteinzeit. Denn die Menschen der Alt- und Mittelsteinzeit führten ein Leben als Jäger und Sammler. Und eine fruchtbare Erde spielt bei Wildbeutern kaum eine Rolle.

Stattdessen war eine Tiergöttin – welche das Jagdwild kontrolliert und den Jäger unterstützt – durchaus bedeutender. Im steinzeitlichen Animismus wird daher ein Herr der Tiere bzw. eine Herrin der Tiere angenommen, welche im Zentrum stand und welche beim Übergang zu Ackerbau und Viehzucht durch die Erdgöttin abgelöst wurde.

Unterstrichen wird diese Hypothese dadurch, dass die ältesten Erdmütter aus der Jungsteinzeit oft mit Tieren dargestellt wurden. Prähistoriker schließen daraus, dass hier die Übergangsform von der Tierherrin zur Fruchtbarkeitsgöttin stattfand.

Welche Bedeutung hatte die Erdmutter für die Neolithische Wende?

Mit der Neolithischen Revolution änderte sich die Mythenwelt der Menschen. Die zeitliche Dimension, welche bei Jägern und Sammlern nur ein Jetzt (Gegenwart) kannte, wurde in ein zusätzliches Davor (Vergangenheit) und ein Danach (Zukunft) aufgespalten. Und über die zwei neuen Zeitkomponenten wurden nun Mythen erfunden und erzählt.

Letztlich waren diese Mythen der Zündstoff, welcher die kulturelle Entwicklung des Menschen überhaupt erst möglich machte. Denn diese Mythen veranlassten die Menschen dazu, heute etwas anzubauen – was sie morgen ernten können.

Im Zentrum der Mythenwelt stand die Personifizierung der Erde. Als Muttergöttin gebar sie die Vegetation und auch die Nutzpflanzen, welche für die Ackerbauern der Jungsteinzeit lebensnotwendig waren. Die personifizierte Erdmutter wurde das Symbol einer fruchtbaren Erde.

Aber die Ackerbauern mussten darauf vertrauen, dass die Erdmutter auch morgen noch fruchtbar bliebe und Nutzpflanzen gebären würde. Deshalb kam es zu Opferkulten, um der Erdgöttin zu huldigen. Anders als die Jäger und Sammler, welche ihr Jagdrevier jederzeit ändern konnten, waren die Ackerbauern nun abhängig vom Boden.

Warum waren die Erdgötter meist weiblich?

Die Kulturen mit einer Landwirtschaft, welche vom Regen abhängig waren, hatten weibliche Erdgötter. Die Erde wurde als Schoß gesehen, in welchen der Samen gelegt und durch den Regen eines Himmelsvaters befruchtet wurde. Diese Vorstellung ergab sich aus den Naturerfahrungen der Ackerbauern. Dabei trat der männliche Himmel als der Erzeuger auf, während in der weiblichen Erde die Samen zu Pflanzen heranreiften. Jene Geschlechterverteilung entsprach der Biologie.

Was ist der Unterschied zwischen der Erdmutter und der Mutter Erde?

Mutter Erde ist ein Konzept in verschiedenen Religionen, Mythologien und anderen Glaubensvorstellungen. In all diesen Konzepten ist die Erde eine heilige Gesamtheit, bestehend aus Planet, Umwelt und Natur.

Jenes Konzept ist ebenfalls aus dem animistischen System entnommen, wurde aber pantheistisch weiterentwickelt. Im Pantheismus existiert kein Gott als Personifizierung, sondern das Universum, die Erde oder die Natur werden mit Gott gleichgesetzt. Die Mutter Erde ist demnach eine alleinige Gottheit mit all seinen Facetten.

Im Polytheismus, welcher mehrere Götter kennt, ist die Erdgöttin bzw. Erdmutter lediglich die Personifizierung der Erde, des Erdbodens oder der Fruchtbarkeit. Und neben der Erdgöttin existieren andere Gottheiten, wie Himmelsgötter oder Nachtgötter – welche das Konzept einer Mutter Erde nicht nennt.

Warum werden Erdgöttin und Totengöttin gleichgesetzt?

In den Mythen verschiedener Kulturkreise wird der Ursprung des Menschen im Erdboden vermutet. Das Gegenstück zur Erde ist der Himmel.

In der Antike glaubten die Menschen, dass man nach dem Tod entweder wieder zur Erde wird oder in einem Totenreich verharrt, welches sich unter der Erdoberfläche befindet. So glaubten die alten Griechen, dass ihr Körper nach dem Tod in den Schoß der Erdmutter Gaia zurücksinken wird. Demnach war die Erdmutter eine Gebärerin des Lebens, zugleich aber auch Totengöttin und Bewacherin der toten Körper.

Die Seelen der Menschen kehrten in den Hades ein, wurden von Totenrichter geprüft und mussten dann entweder in den Tartarus (Strafort), auf die Asphodeloswiese der Elysischen Gefilde (schmerzlos und freudlos) oder durften ins Elysium, dem Ort der Glückseeligen, entrücken.

Die tatsächlichen Aufgaben als Totengöttinnen übernahmen erst spätere Generationen. So wurde Proserpina die Totengöttin der Römer. Sie war Tochter der Erdgöttin Ceres und Urenkelin der Erdmutter Tellus. Bei den Griechen war Persephone die Totengöttin. Sie war Tochter von Demeter (Erdgöttin) und Urenkelin von Gaia (Erdmutter).

Wer waren Erdmutter und Erdgöttin bei den alten Griechen?

Den Standard des griechischen Schöpfungsmythos lieferte der Dichter Hesiod im 8. oder 7. Jahrhundert v. Chr.. In seinem Gedicht Theogonie beschreibt er das Entstehen der Götter. Als Urgötter bzw. Urelemente nennt er das kosmologische Chaos aus dem Erebos (Dunkelheit), Nyx (Nacht), Gaia (Erdmutter) und Eros (Liebe, Sexualität) hervorgingen.

Ohne Mann soll Gaia drei Söhne bekommen haben. Diese waren Uranos (Himmel), Ourea (Gebirge) und Pontos (Meer). Mit Uranos kam das männliche in die griechische Mythenwelt.

Unter Einfluss von Eros zeugte Gaia mit ihrem Sohn Uranos die Titanen, die Kyklopen und die Hekatoncheiren. Doch Uranos muss seine Brut so schrecklich gefunden haben, dass er diese bei der Geburt sofort wieder in den Schoß von Gaia (Erde) schob. Diese erzitterte vor Schmerzen und stachelte ihre Kinder an, sich gegen die tyrannischen Vater aufzulehnen.

Einer der Titanen war Kronos, welcher seinen Vater entmachtete und die Herrschaft der Welt an sich riss.Mit seiner Schwester Rhea zeugte Kronos die ersten Olympier (Zeus, Poseidon, Demeter, Hera, Hestia) und Hades – den späteren Herrscher der Unterwelt.

Da Gaia als Mutter der Titanen, dem zweiten Göttergeschlecht, und Großmutter der Kroniden (Kronos Nachfahren) war – gelten sie und Uranos als Urgötterpaar der griechischen Mythologie. Die Enkelin der Erdmutter war Demeter. Diese war die Fruchtbarkeitsgöttin im griechischen Götterbild. Sie wurde zur Erdgöttin, war zuständig für Ackerbau, Ernte, das Getreide und die Saat.

Die Tochter der Erdgöttin war Persephone, welche die Gattin des Hades wurde und zur Unterweltgöttin abstieg.

Unterschieden die Römer auch zwischen Erdmutter und Erdgöttin?

Die Erdmutter der Römer war Terra Mater (Tellus). Diese entsprach der griechischen Gaia. Die Enkeltochter der Tellus war Ceres, welche die römische Erdgöttin war. Auch Ceres entsprach der griechischen Demeter. Den Zwölferbund der griechischen Hauptgötter übernahmen die Römer ebenfalls und nannten diesen Dei consentes.

Anders als bei den Griechen stellten die Römer drei Götter aus dem Zwölferbund heraus. Diese waren Jupiter, Juno und Minerva (Kapitolinische Trias), welche vornehmlich von den Patriziern verehrt wurden. Die Plebejer stellten die Gottheiten Ceres, Liber und Libera heraus und vereinten diese zum Aventinischen Trias.

Die Tochter der Erdgöttin war Proserpina, welche die Gattin des Pluto wurde und zur Unterweltgöttin abstieg.

Warum hatten die Ägypter einen Erdgott anstelle einer Erdgöttin?

Die alten Ägypter hatten mehrere Erdgötter. Darunter Aker, Tatenen, Sokar und Geb. Letzterer galt als erster Erd- und Fruchtbarkeitsgott. Zusammen mit seiner Schwestergattin Nut (Himmelsgöttin) zeugte er die Göttergeneration von Osiris, Isis, Seth und Nephthys.

In der griechisch-römischen Zeit des Alten Ägyptens wurden Geb und Nut nicht mit der ersten Göttergeneration um Uranos und Gaia gleichgesetzt, sondern mit deren Kindern (Rhea und Kronos). Denn aus der Beziehung beider ging – wie auch bei den Griechen und Römern – das dritte und derzeitige Göttergeschlecht hervor. Und die Göttergeneration um Osiris und Iris identifizierten die Seleukiden und Römer als die olympischen Götter bzw. die römischen Dei consentes.

Der Unterschied im Geschlecht der Erdgötter lag wohlmöglich in den geografischen Besonderheiten Ägyptens begründet. Die Fruchtbarkeit Ägyptens war abhängig vom Nilschlamm. Regenzeiten, wie diese ein Himmelsvater in Griechenland sicherte, waren zweitrangig. Die Landwirtschaft funktionierte nur durch die Flut und den nährstoffreichen Nilschlamm.

Die Nilflut, welche den Schlamm brachte, war durch den Flutengott Hapi verkörpert. Der Nil überflutete das Land und befruchtete somit die Ackerflächen. Genau das gleiche taten die Himmelsgötter der Griechen und Römer, wenn sie den Regen brachten. Deshalb galten sie als Erzeuger bzw. als gebendes Prinzip.

Da die Fruchtbarkeit Ägyptens nur durch das Geben des Nilschlamms geschehen konnte, galt der Nil allgemein auch als rein männliches Konzept. Und in der Vorstellung der Ägypter repräsentierte Geb diese gebende Rolle.

Die Himmelsgöttin Nut, als Gegenstück zu Geb, war das empfangende Konzept. Sie wölbt sich abends über die Erde und schirmt diese vor der Sonne ab. Sie empfängt also die Sonne. Morgens gebärt sie die Sonne neu.

Was hat die slawische Erdgöttin mit der Kikimora zu tun?

Mokosch ist die Erdgöttin der slawischen Mythologie und ist die einzig historisch belegbare weibliche Gottheit im slawischen Pantheon. Auch sie ist Erdgöttin und Muttergöttin, zuständig für Fruchtbarkeit und für das Weben. Der Wortstamm mok in ihrem Namen bedeutet „feucht“, weshalb man davon ausgeht – dass Mokosch die Personifizierung der „feuchten Mutter Erde“ ist.

Als Göttin des Spinnen und Webens existieren Mythen darüber, dass Mokosch nachts die Bauernhäuser aufsucht und Dinge zu Ende spinnt, welche dort unfertig herumliegen. Angekündigt hat sie sich durch das Rasseln ihrer Spindeln. In der ukrainischen und russischen Folklore hat sich die Dämonisierung weiter verfestigt, woraus der Mythos der Kikimora entstand.

Warum gilt die litauische Erdmutter zugleich als Totenmutter?

Zemyna ist Erdmutter der litauischen Mythologie. Sie gilt dort als Pflanzenschützerin, Blütenspenderin und Ernährerin. Zusammen mit der Schicksalgöttin Laima soll sie das Geburtsdatum eines Menschen bestimmen können.

Im lettischen Götterbild verschmilzt sie mitunter auch mit der Totenmutter Veļu mate. In dieser Rolle soll sie auf dem Friedhof auf den frisch Verstorbenen warten und diesen mit einem Festmahl empfangen. Danach weist sie ihm seinen Platz auf dem Friedhof zu.

Warum ist die Erdgöttin der Azteken eine Schlangengöttin?

Coatlicue ist Fruchtbarkeitsgöttin und Erdgöttin der Azteken. Laut aztekischen Mythen soll sie einst als Priesterin auf dem Schlangenberg tätig gewesen sein. Als sie den Tempel fegte, fiel ein Federkleid vom Himmel.

Um den Tempel sauber zu halten, steckte sie das Federkleid ein. Kurz darauf war sie schwanger. Ihrer Tochter Coyolxauhqui, welche bereits Mondgöttin der Azteken war, gefiel dies überhaupt nicht. Deshalb planten sie und ihre Brüder die Mutter zu ermorden.

Als sie Coatlicue enthaupteten, stieg aus ihrem abgetrennten Hals der Kriegsgott Huitzilopochtli hervor. Dieser war voll bewaffnet und erschlug seine rebellischen Geschwister.

In der aztekischen Götterwelt gilt Coatlicue als Mutter des Kriegsgottes, der Mondgöttin und der Götter des südlichen Sterne (Centzonuitznaua). Dargestellt wird sie mit Schlangenköpfen übersät.