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Odin, Wodan


Odin bzw. Wotan oder Wodan ist eine Gottheit der nordischen Mythologie. Im nordischen Pantheon war Odin der Göttervater und Kriegsgott. Bei den Südgermanen wurde Odin als Wodan identifiziert. Er gilt als Herrscher über Asgard, dem Reich der Asen.

Weitere Bezeichnungen sind Óðinn (altisländisch), Wōden (altenglisch), Wuodan (altniederländisch), Wuotan (althochdeutsch), Uuoden (altsächsisch), Wûtan (altbairisch), Godan bzw. Guodan (langobardisch) oder Wôðanaz (protogermanisch).

Odin wird als einäugiger Gott dargestellt. Begleitet wird er von den Raben Huginn und Muninn sowie den Wölfen Geri und Freki. Ein weiterer Begleiter und Ratgeber an Odins Seite ist Mimirs Kopf.

Odins göttliche Söhne sind Baldur, Thor, Hödur, Hermodr, Wali und Vidar. Ein menschlicher Sohn Odins war Skjöld Odinsson. Dieser gilt als erster König Dänemarks und Begründer der Skjöldunge. Diesem Herrschergeschlecht gehörten u.A. Hrolf Kraki und Ragnar Lodbrok an.

In Schweden führten Historiker im 16. Jahrhundert an, dass Odin ihr erster König war. Odins Sohn Yngvi begründete die schwedische Herrscherdynastie der Ynglinge. In Gardarike regierte Svafrlami, der Sohn des Sigrlami, als erster König die Kiewer Rus. Dieser war der Enkel Odins.

Laut den nordischen Schöpfungsmythen tötete Odin mit seinen Brüdern Vili und Ve den Urriesen Ymir. Aus dessen Leichenteilen formten sie dann die Welt. Danach erschufen sie aus Bäumen die ersten Menschen Ask und Embla.

Odin gilt weiterhin als Totengott. In dieser Rolle empfängt er gefallene Krieger (Einherjar) in Valhall. Gebracht werden die Gefallenen durch Walküren, welche von Odin angeführt werden. Doch Odin bekommt nur die Hälfte der Gefallenen, während die andere Hälfte zu Freya nach Folkwang entrückt wird. Alle anderen Menschen, welche nicht auf dem Schlachtfeld starben, werden ins Reich der Hel entrückt. Dies ist das dritte Totenreich der nordischen Sagenwelt.

Die Einherjar sammelt Odin, um diese in einer mythischen Endzeitschlacht (Ragnarök) ins Feld zu führen. In dieser Schlacht stehen sich die Götter und Riesen gegenüber. Letztere werden von Loki und seinen Kindern angeführt. Im Ragnarök wird Odin vom Fenriswolf getötet, kehrt dann aber als Allvater wieder.

Steckbrief

Odin Holzskulptur, Bildnachweis: Drakuliren/shutterstockcom

Odin Holzskulptur


Runenkreis der Ältesten Futhark mit dem Wotansknoten (Valknut) in der Mitte

Runenkreis der Ältesten Futhark mit dem Wotansknoten (Valknut) in der Mitte


Odin, Wodan
Stellung:oberster Gott im nordischen Pantheon
Merkmale:dargestellt als einäugiger Gott, als Reisender mit Wanderstock, als alter und greiser Mann
Symbole:Gungnir (Speer), Draupnir (Zauberring), Hlidskialf (Thron), Wotansknoten (Valknut) mit der Mystik aus den Zahlen drei und neun (Symbol im Neopaganismus)
Sitz:Valaskjalf (Götterpalast), Gladsheim (Wohnsitz) und Walhall (jenseitiger Ort) in Asgard
Funktionen:Anführer der Asen und Herrscher über Asgard
Gott der Weisheit, Dichtergott
Gott der Magie und Runen
Handelsgott und Schutzgott der Reisenden
Totengott, Kriegsgott, Herr der Wilden Jagd
Schöpfergott, Fruchtbarkeitsgott
Begleiter:Mimirs Kopf
Tiere:Raben Huginn und Muninn (deutsch: Geist und Wille)
Wölfe Geri and Freki (deutsch: Gier und Vielfraß)
Sleipnir (achtbeiniges Pferd)
Eltern:Vater: Börr
Mutter: Bestla
Geschwister:Vili und Vé (Brüder)
Ehefrau:Frigg
Söhne:Thor (Donar), gezeugt mit der Erdgöttin Jörd
Balder (Baldur), gezeugt mit der Asengöttin Frigg
Hermodr (Hermod), vermutlich gezeugt mit Frigg (ohne Quelle)
Hödur (Höðr), vermutlich gezeugt mit Frigg (ohne Quelle)
Bragi (Bragr), vermutlich gezeugt mit Frigg (ohne Quelle)
Vidar (Widar), gezeugt mit der Riesin Grid
Vali (Wali), gezeugt mit der Asengöttin Rind
Heimdall, gezeugt mit neun reinen Riesenjungfrauen - die schlafend am Strand lagen
Skjöldr (legendärer König Dänemarks), gezeugt mit Gritha
Säming (Ahnherr der norwegischen Könige), gezeugt mit der Riesin Skadi (spätere Jagdgöttin der Asen)
Töchter:Walküren, gezeugt mit Frigg
Entsprechungen:Mercurius (römische Gottheit)
Beinamen:mehr als 170, darunter Alfodr (Allvater), Síðskeggr (Langbart), Liodasmieder (Liedermacher, Verseschmieder), Ófnir (der Aufhetzer), Bölverkr (der Übelstifter), Fimbulþulr (mächtiger Weiser), Fjölnir (der Wissende), Gautr (Götländer), Grímnir (der Maskierte), Hárbarðr (Graubart), Hrafnaguð (Rabengott)

Odin-Skulptur von Bengt Erland Fogelberg im Skulpturenhof des Nationalmuseums in Stockholm, Bildnachweis: Achim Wagner / Shutterstock.com

Odin-Skulptur von Bengt Erland Fogelberg im Skulpturenhof des Nationalmuseums in Stockholm

Wie wird Odin in der nordischen Mythologie dargestellt?

Odin wird meist als einäugiger Gott dargestellt, welcher sein Auge opferte, um an Weisheit zu gelangen.

Jeden Morgen reitet Odin auf seinem achtbeinigen Pferd Sleipnir über den Himmel und erkundet die Welt. Seine ständigen Begleiter sind zwei Raben, namens Hugin und Munin (Gedanke und Erinnerung). Außerdem begleiten ihn zwei Wölfe, namens Geri und Freki (gierig und gefräßig), welche ihn bei der Jagd unterstützen.

Auf der Wilden Jagd reitet Odin mitsamt seinem Gefolge aus Verstorbenen über den Himmel. Im Volksglauben war dies die Zeit der Herbststürme. Deshalb hatte Wodan zu Herbstfesten eine besondere Bedeutung. Der Begriff der Wilden Jagd wurde von Jacob Grimm in seinem Gesamtwerk zur deutschen Mythologie verwendet und dadurch geprägt.

In seiner Hand hält Odin den Speer Gungnir, eine Waffe die niemals ihr Ziel verfehlt. Mit diesem Speer eröffnete Odin einst den Wanenkrieg, wodurch er den ersten Krieg in die Welt brachte. An einen seiner Finger hängt der Draupnir, ein Zauberring – welchen einst die Zwerge für ihn erschaffen haben.

Außerdem trägt Odin den abgetrennten Kopf des Riesen Mimir herum. Dieser kann die Zukunft vorrausagen, weshalb er den Kopf als Ratgeber nutzt. Durch einen Wunschmantel ist es Odin möglich, an jeden Ort der Welt zu reisen, sich zu verwandeln oder sich unsichtbar zu machen.

Wenn Odin nicht auf Wanderschaft ist, sitzt er auf seinem Thron Hlidskialf im Götterpalast Valaskjalf. Von dort schickt er seine Raben aus, welche die Welt erkunden und ihm davon berichten.

Woher kam Odin?

Viele Gelehrte der nordischen Mythenwelt betrachten Odin als eine Gottheit, welche erst spät ins Götterbild der Wikinger und Germanen importiert worden ist. Zu dieser Annahme kommt man, da der Prolog der Prosa-Edda andeutet, dass die Äsir zunächst noch in Skandinavien einwandern mussten. Sie waren demnach nicht Teil der dortigen Folklore.

Die litauische Archäologin Marija Gimbutas argumentierte, dass die ursprünglichen Götter der nordischen Mythenwelt die Wanen waren und nicht die Asen (Äsir).

Laut der Ynglinga-Saga und der heute verlorenen Skjöldunga-Saga kam Odin aus Asien (Skythien) und eroberte Nordeuropa. Er gab Schweden seinem Sohn Yngvi und Dänemark seinem Sohn Skjöldr.

Seitdem wurden die Könige Schwedens Ynglinge und die von Dänemark Skjöldunge genannt. Noch im 16. Jahrhundert berief sich das Haus Wasa in Schweden auf Odin (Schwedisch: Oden) als den ersten König Schwedens.

In Dänemark löst Skjöldr seinen Vater als König ab. Machtzentrum der Skioldinger war die Insel Seeland mit Leithra als Hauptstadt. Diese lag unweit der heutigen Stadt Roskilde.

Welche Stellung und Funktion hatte Odin bei den nordischen Göttern?

Odin war Hauptgott, Kriegsgott und Totengott in der nordischen Götterwelt. Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass er ursprünglich ein Dichter- oder Weisheitsgott war. Erst durch den Wotankult der Nordgermanen wandelte sich die Darstellung Odins im nordischen Götterbild.

Die einzelnen Rollen Odins im nordisch-germanischen Götterbild werden nun einzeln erläutert.

Dichtergott

Das Gedicht Hávamál ist Teil der Lieder-Edda. Im Gedicht wird erklärt, dass Odin der Ursprung der Runen sei. Und Runen waren die Schriftzeichen, welche die Germanen seit dem 2. Jahrhundert nutzten. Die Skandinavier nutzten Runen hauptsächlich erst im Hochmittelalter.

Der schwedische Archäologe Bernhard Salin schlug die These vor, dass die Runen während der Eisenzeit aus Südosteuropa eingeführt wurden. Andere Historiker argumentieren, dass die Runen erst zur Völkerwanderungszeit in die germanische Kultur einflossen.

Im altenglischen Runengedicht aus dem 8. oder 9. Jahrhundert wird Odin mit der Os-Rune identifiziert. Damit ist der Mund (lateinisch Os) gemeint. Allerdings beschreibt die Os-Rune nicht den anatomischen Mund, sondern die „Quelle der Sprache“ und „Säule der Weisheit“.

Zum Dichtergott wurde Odin mythologisch durch den Skaldenmet. In den Werken von Snorri Sturluson aus dem 13. Jahrhundert sind die Mythen über den Skaldenmet am ausführlichsten beschrieben.

Laut der Snorra-Edda von Snorri war Kvasir der klügste unter den Asengöttern. Doch die Zwerge Fjalar und Galar töteten Kvasir und fertigten aus seinem Blut einen Dichtertrank. Der Trank kam dann in den Besitz des Riesen Suttungr. Dieser gab ihn weiter an seine Tochter Gunnlöd, welche den Trank bewachen sollte.

Odin verführte die Riesin und stahl den Dichtermet. Dann verwandelte er sich in einen Adler und flog mit dem Weisheitstrank zurück nach Asgard. Seitdem ist Odin der Gott der Dichtkunst.

1876 schlug Henry Petersen in seiner Doktorarbeit vor, dass Odin eine Gottheit der Dichter, Häuptlinge und Gelehrten war – während Thor eine Fruchtbarkeitsgottheit der skandinavischen Bauern blieb.

Gott der Weisheit

In der Völuspa, einem Götterlied der Lieder-Edda, wird Odins Dialog mit einer Seherin (Völva) geschildert. Diese gibt ihm die Weisheit aus vergangenen Zeiten und sagt den Beginn von Ragnarök voraus.

Um Ragnarök zu verhindern, vergräbt Odin den Kopf des Mimir unter der Weltenesche Yggdrasil. Dort entsteht Mimirs Quelle der Weisheit. Später kehrt Odin zur Wurzel des Weltenbaums zurück, um von Mimir die Kunst der Weissagung zu bekommen. Im Gegenzug für die Weisheit fordert Mimir das Auge Odins als Pfand. Er gibt es hin und hängt für neun Tage am Weltenbaum, um die Runen zu entschlüsseln.

Das Gedicht Hávamál besteht vollständig aus Weisheitsversen, welche Odin zugeschrieben werden. Zu lesen sind diese Verse als Ratschläge, wie dem maßvollen Trinken, der Notwendigkeit zu sprechen oder zu schweigen, sowie einigen Zauberformeln, die ebenfalls auf Odin zurückgehen. Zu den verschiedenen Szenen, die Odin erzählt, gehört auch die Selbstopferung an Mimirs Brunnen.

Rabengott

Odins Begleiter waren zwei Raben, namens Huginn und Muninn. Diese Raben schickt Odin zum Morgengrauen raus. Dann umfliegen sie die ganze Welt, kommen abends zurück und berichten Odin vom Geschehen auf der Welt.

Aus dieser Verbindung heraus wird Odin gelegentlich auch als Rabengott bezeichnet. So etwa in der Gylfaginning, dem Hauptteil der prosaischen Snorra-Edda.

Fruchtbarkeits- und Vegetationsgott

Jacob Grimm zeigte, dass bei den Angelsachsen in England und bei den Bauern in Mecklenburg ein Odinskult existierte – welcher mit Fruchtbarkeit und Ernte in Verbindung stand. So existierten dort Erntesprüche bei denen Odin bzw. Woden angerufen wurde, um für ein Ernteerfolg zu bitten.

“Wode, Wode, hole deinem Rosse nun Futter, nun Distel und Dorn, nächstes Jahr besser Korn!“

In Schaumburg-Lippe existierte ein ähnlicher Erntevers:

“Wold, Wold, Wold! Himmelshüne weiß was geschieht, immer vom Himmel er herunter sieht, Volle Krüge und Garben hat er, im Walde wächst mancherlei: Er ist nicht geboren und wird nicht alt. Wold, Wold, Wold!“

Beim Schlachten von Vieh gab es ebenfalls Fruchtbarkeitsriten, welche mit Odin in Verbindung standen. So wurden Gebärmutter und Scheide einer geschlachteten Sau ins Geäst eines Baumes geworfen. So sollten die Krähen und Raben, welche als ständige Begleiter Wodans galten, gütig gestimmt werden.

In Sachsen und Ostwestfalen existieren heute noch diverse Praktiken und Aberglauben, welche auf Wodan zurückzuführen sind. So wird beim Mähen eines Feldes ein Stück ausgelassen, welches so zum Opfer für Wodan wird. Auch das Verschütten eines Bieres als Trankopfer für Wodan ist in Teilen verbreitet.

Schutzgott

Der Mittwoch (englisch: Wednesday = Wodans Tag) ist nach Odin benannt. Denn die Germanen identifizierten Odin mit Mercurius, dem römischen Handelsgott. Der römische Mercurius war auch Schutzgott der Reisenden und wurde bei den Römern mit dem griechischen Götterboten Hermes gleichgesetzt. Zu den Reisenden, welche Hermes oder Mercurius beschützten – gehörten neben Händlern auch Dichter bzw. Skalden.

Die Germanen übernahmen die Wochentage von den Römern. Benannt wurden diese bei den Römern nach den sieben Himmelskörpern und den damit verknüpften Gottheiten. Die Rangfolge ergab sich bei den Römern aus der scheinbaren Entfernung zur Erde.

Doch alle Völker, welche von den Römern beeinflusst wurden, übernahmen die Benennung nach ihren Göttern – welche sie mit den römischen Göttern identifizierten. Demnach wurde Odin im 4. Jahrhundert bei den Germanen mit dem römischen Mercurius identifiziert. Somit war Wodan ein Dichtergott bzw. ein Schutzgott der Reisenden.

Für die Völkerwanderungszeit könnte sich daraus ableiten lassen, dass die umherziehenden germanischen Stämme sich unter den Schutz von Odin stellten.

Totengott

Der britische Archäologe Anthony Birley bemerkte, dass die Identifizierung Odins mit dem römischen Mercurius nicht zwingend etwas mit deren Rolle als Götterbote zu tun habe.

Stattdessen waren Mercurius und der griechische Hermes auch Boten der Unterwelt. So brachten sie die Seelen der Verstorbenen zu Hades bzw. Pluto. In der klassischen Mythologie werden diese als Psychopompos (deutsch: Seelengeleiter) zusammengefasst. Im Christentum übernahmen Schutzengel und der Erzengel Michael die Funktion des Psychopompos.

Nachweislich hatte Odin eine ähnliche Funktion im nordischen Pantheon. Denn die Schlachtjungfern (Walküren) sammelte die gefallenen Krieger vom Schlachtfeld (Walstatt) auf und brachten diese nach Walhall. Dort angekommen, wurden die Gefallenen als Einherjer bezeichnet.

In Walhall kämpften sie tagsüber bis zum Tod gegeneinander, wurden dann durch einen Kuss der Walküren wiedererweckt, um Abend zusammen zu speisen. Das Kriegerparadies Odins hatte den Zweck, eine große Armee aufzustellen, welche er beim Ragnarök gegen die Riesen ins Feld führen könne.

Kriegsgott

Aufgrund der Mythen um Valhall, den Einheriern und den Ragnarök – etablierte sich die Vorstellung darüber, dass Odin ein Kriegsgott sei.

Man geht aber davon aus, dass Tyr der ursprüngliche Kriegsgott der Germanen war. Denn nach Tyr wurde der Diensttag (englisch: Tuesday) benannt. Im römischen Kalender war der Diensttag dem Kriegsgott Mars gewidmet. Demnach identifizierten die Germanen den römischen Mars mit ihrem Tyr.

Ein weiteres Indiz dafür, dass Tyr vor Odin ein Kriegsgott war, liefern die Runenzeichen auf Speeren, Schwertern und Äxten. Diese wurden mit der Tyr-Rune versehen. Und Krieger opferten ihre getöteten Widersacher dem Gott, indem sie Tyrs Zeichen auf die Schwert- oder Speerrunen des getöteten Widersacher eingravierten.

In der altsächsischen Sprache ist tir gleichzusetzen mit Ruhm und Ehre, was ebenfalls auf einen Kriegsgott Tyr hinweist. Im Altnordischen bedeutet das Substantiv tírr ebenfalls Ruhm und Ehre.

Tyr wurde mythologisch herabgestuft. Denn laut nordischen Mythen sollen die Asen den Fenriswolf in Ketten gelegt haben. Dabei steckte Tyr seinen Arm ins Maul des Monsters und verlor dabei seine Hand. Diese Erzählung wird als symbolische Herabstufung Tyrs gedeutet, wodurch Odin ihn als Kriegsgott verdrängen konnte.

Gott der Magie und Runen

Im altenglischen Gedicht Neunkräutersegen (Nine Herbs Charm) wird Wodan (Woden) im zweiten Teil als Zauberkundiger erwähnt. In diesem Teil geht es um eine Zauberformel und um Zahlenmystik.

Bereits im Edda-Lied Havamal wird erwähnt, dass Wodan die Runenmagie beherrsche. Ebenfalls enthalten in der Lieder-Edda ist die Prozedur Odins, als er den Kopf des Mimirs mit Kräutern bestreicht – um ihn so vor der Verwesung zu retten.

Das Neunkräutergedicht beschreibt den Zauber, welchen Wodan vollführt, um eine Heilkräutersalbe herzustellen. Dazu setzt er Runen in einen Holzstock ein, mit welchem er eine Schlange in neun Teile zerschlägt. Aus diesen neun Teilen wird dann, nach einer festgelegten Prozedur bzw. Rezept, eine Kräutersalbe gefertigt.

Aus dem Neunkräutersegen ergab sich die Mystik um die Zahl drei und dessen Quadrat (Zahl neun). So besteht ein Wotansknoten (Valknut), welcher heute im Neuheidentum als Symbol mit Wodan in Verbindung steht aus drei in ineinander verschachtelten Dreiecken. Dadurch ergeben sich neun Spitzen.

Anhänger des Neuheidentums sehen es als Schutzsymbol gegen Gift oder als Schicksalszeichen der drei Nornen (Schicksalsgöttinnen).

Schöpfergott

In den nordischen Schöpfungsmythen wird Odin als Schöpfergottheit erwähnt. Diese Mythen stehen in der Völuspá (Gedicht der Lieder-Edda) und im Gylfaginning (Teil der Prosa-Edda von Snorri).

Bei letzterem wird Odin als Sohn der Riesin Bestla und des Burr erwähnt. Letzterer gilt als Stammvater der Götter. Beide hatten drei Söhne, namens Odin, Vili und Vé.

Diese drei Brüder töten den Urriesen Ymir und bauten aus seinen Körperteilen die Welt. So wurde das Fleisch des Riesen zur Erde. Aus dem Blut des Riesen machten die drei Götter das Meer. Seine Knochen wurden die Felsen und Berge. Aus den Haaren des Riesen machten sie die Bäume. Der Schädel des Riesen wurde der Himmel.

Die ersten Menschen, namens Ask und Embla, erschufen Odin und seine Brüder aus dem Holz der Bäume.

Während Vili und Ve in den Asengeschichten weitestgehend untergehen, wirkt Odin auch nachträglich schöpferisch. Er waltet als mächtige Gottheit über die Welt, überwacht deren Regeln und bleibt in diesem Amt bis zum Weltenbrand – dem Götterschicksal Ragnarök.

Hauptgott

Heute geht man davon aus, dass Tyr bis zur Völkerwanderungszeit (4. Jahrhundert) der Hauptgott im germanischen Pantheon gewesen war.

In Norwegen wurde bis zum 6. Jahrhundert hauptsächlich Tiuz geopfert, weshalb man auch davon ausgehen kann, dass dort die Stellung von Tyr länger erhalten blieb. Dann folgte auch dort ein Umbau des nordischen Pantheons.

Unklar ist, ob Odin – welcher zu späteren Zeiten als Hauptgott der Nordgermanen erwähnt wird, ursprünglich ein gesamtgermanischer Gott war oder sich zunächst nur im niederrheinisch-nordwestdeutschen Raum entwickelte und im Zuge eines Wodankultes immer weiter verbreitet habe.

Im Mittelalter wurde Odin wahrscheinlich als Hauptgott von Thor abgelöst. Das Sächsische Taufgelöbnis wurde im 8. Jahrhundert von Karl dem Großen entworfen, um die Sachsen zu christianisieren. Im Zuge der Sachsenkriege (772–804) hatte es sich Karl zur Aufgabe gemacht, sämtliche Heiden in Europa zum Christentum zu bekehren.

Meist geschah diese Bekehrung durch Zwangschristianisierung. Und das entscheidende Mittel, damit die Heiden wahrlich zum Christentum übergingen, war die Taufe. Dazu wurde ein Gelöbnis gesprochen bzw. abgelesen, welches von Karl dem Großen standardisiert wurden war.

Die Heiden mussten also das sächsische Taufgelöbnis vorlesen oder ihnen wurde es vorgelesen und sie mussten es wiederholen. Zentraler Aspekt war, dass die Sachsen sich von allen heidnischen Göttern lossagten.

Die Reihenfolge im Gelöbnis bestimmte die Rangfolge im sächsischen Götterbild. Und die Lossagung begann mit Thunaer (Donar bzw. Thor), gefolgt von Wôden (Wodan bzw. Odin) und schließlich Saxnôte (Tyr). Demnach war Thor bzw. Donar im 8. Jahrhundert der oberste Gott der Sachsen.

Wohlmöglich löste Thor den bisherigen Hauptgott Odin ab, weil sich die Gegebenheiten änderten. Denn während es für die Überfahrten und Handelsreisen der Wikinger einen Kriegsgott brauchte, wandelte sich die Einstellung als die Nordmänner sesshaft wurden.

Nun brauchte man einen Vegetationsgott, wohlmöglichen einen Schutzgott oder einen Regengott. All diese Aspekte versprach Thor, dessen Hammer Mjölnir nicht nur eine Waffe – sondern auch ein Fruchtbarkeitszeichen war.

Göttervater

Odin war kein Göttervater im klassischen Sinne, da viele Asengötter nicht mit ihm verwandt waren. Seine Kinder waren Thor, Balder, Hödur, Vidar, Vali, Hermod und Bragi.

Die ursprünglichen Wanengötter Frey und Freya waren Kinder von Njörd. Andere Götter, wie Loki, Sif oder Tyr waren ebenfalls nicht mit ihm verwandt. Dennoch wird Odin als Göttervater beschrieben, obwohl dieser Begriff bei ihm nicht so zutreffend ist, wie bei Zeus oder Jupiter.

Allvater

Im Gylfaginning, dem Hauptteil der Prosa-Edda, wird Odin als Alfodr bezeichnet, genauso im Skáldskaparmál – dem dritten Teil der Prosa-Edda. Geschrieben wurde das Werk im 13. Jahrhundert von Snorri Sturluson, weshalb es auch als Snorra-Edda bezeichnet wird.

Snorri war Christ, aber auch ein isländischer Skalde und Historiker. Dennoch ist es möglich, dass christliche Einflüsse ins Werk hineingetragen wurden. Wie bereits mehrfach beschrieben, gab es zuvor keine schriftlich fixierten Werke zur nordischen Mythologie. Es gab die Gedichte der Lieder-Edda, aber deren Hauptwerk – das Codex regius – entstand erst 1270.

Das was Snorri zusammentrug, sollte die nordische Mythologie überhaupt erst fixieren und für die Ewigkeit kondensieren. Und laut der Snorra-Edda stirbt Odin im Ragnarök. Doch er kehrt wieder als Allvater (Alfodr) und damit endet die Welt des nordischen Kampfesethos.

Allvater ist der Versuch von Snorri, den heidnischen Kriegsgott Odin mit dem friedensstiftenden Gott der Christen zu harmonisieren. Dadurch haben auch die Gefallenen, welche an der Seite Odins starben, einen Zugang zum christlichen Himmelreich.

Allvater ist demnach ein christlich geprägter Begriff, um den Übergang von Odin zum Christengott zu ermöglichen. Snorri beschreibt, dass der Allvater den Himmel und die Erde schuf. Er ist zudem der älteste aller Götter. Angeblich soll er in Asgard zwölf Namen gehabt haben, aber alle meinen Odin.

Alle Menschen, welche ein gottesfürchtiges Leben geführt haben, dürfen nach dem Tod zum Allvater ins Gimle kommen. Dieser Ort ist jene Region in Asgard, wo die Überlebenden des Ragnarök verweilen.

Was bedeutet der Name Odin bzw. Wotan?

Der protogermanische Eigenname Wotans war Wōðanaz. Dies bedeutet übersetzt: „Herr des Wahnsinns“ oder „Anführer der Besessenen“.

Möglicherweise hängt diese Bezeichnung mit der starken Verbindung Wotans zur Poesie zusammen. Aber auch eine Verbindung zu den Berserkern ist denkbar, da diese in der nordischen Mythologie als Söhne der Götter galten, welche im Blutrausch kämpften und in eine Schlachtenraserei verfielen.

Der früheste Beleg für Odin stammt aus dem Jahr 725 n. Chr. und fand sich auf einem Schädelfragment, auf welchem Runen geritzt waren. Odins Entsprechung bei den Germanen lautet Wotan. Dieser Name taucht als Runeninschrift auf den Bügelfibeln von Nordendorf auf. Diese stammen aus dem 6. Jahrhundert n. Chr.. Demnach geht man davon aus, dass der Name Wotan älter als der Name Odin ist.

In der indogermanischen Sprache bedeutet die Sprachwurzel „wat“ in etwa „inspirieren“ oder „anfachen“. Auch „erregt sein“ oder „wütend“ lassen sich darüber herleiten. Im Lateinischen bedeutet das Substantiv „vates“ wiederum „Seher“, „Dichter“ oder „Wahrsager“. Das althochdeutsche Wort „wuot“ bedeutet „heftige Gemütsregung“ oder „Raserei“. Über den Wortstamm „wōdaz“ lässt sich auch Besessenheit herstellen.

Die mit Wodan assoziierte Erregtheit lässt sich auf Kriegslust, Poesie und Dichtkunst übertragen. Dies macht Wodan bzw. Odin zu einer der umstrittensten Figuren der nordischen Mythologie.

Der Bremer Kleriker Adam von Bremen, welcher im 11. Jahrhundert weite Teile Skandinaviens besuchte und missionierte, beschrieb in seinem Werk (Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum) das Wesen von Odin folgendermaßen: „Wuodan id est furor“. Übersetzt bedeutet dies: „Wodan, das heißt Wut“.

Heißt es Wodan oder Wotan?

Die ursprüngliche Variante war Wôðanaz, welcher bei den Südgermanen der Völkerwanderungszeit zu Wodan wurde. Als Karl der Große damit begann, die Sachsen zu christianisieren, ließ er Taufgelöbnisse anfertigen. Damit wurde die althochdeutsche Schrift und Literatursprache begründet. Die Sachsen sollten Wodan abschwören, welcher im Gelöbnis als Wôden bzw. Wuotan bezeichnet wurde.

Der Komponist Richard Wagner nahm sich die althochdeutsche Variante (Wuotan) zum Vorbild und machte aus dem germanischen Wodan den deutschen Wotan. Diese Schreibweise war von Wagner neu erfunden worden. Aber jene Variante wurde 1869 in Wagners Opernzyklus „Der Ring der Nibelungen“ verwendet, was dazu beitrug, dass Wotan im deutschsprachigen Raum häufiger genutzt wird als die historisch korrekte Variante Wodan.

Wie wurde aus Wodan der Name Odin?

Der Name Wodan ist die ältere Bezeichnung, aber durchaus weniger überliefert. Bereits im 6. Jahrhundert tauchte Wodan als Runeninschrift auf den Bügelfibeln von Nordendorf auf. Die erste Erwähnung Odins stammt aus dem Jahr 725 und ist auf einem Schädelfragment als Rune eingeritzt worden.

Óðinn ist die nordgermanische Variante des südgermanischen Wodans. In der nordgermanischen Sprache gab es eine Lautregel, wonach ein anlautendes W vor einem O oder U verschwinden konnte. So wurde Wodan zu Odan. In den westgermanischen Sprachen blieb das W bestehen. Dennoch ist die Untersuchung einer Entwicklung von Wodan zu Odin nicht abgeschlossen. Fachleute diskutieren darüber, welche Namensvariante dem altnordischen Odin zugrunde liegt.

Ein wichtiger Hinweis ist eine Runeninschrift aus Strängnäs in Schweden, die als Wōðinʀ gelesen wird. Allerdings werden ihre Interpretation und Bedeutung wissenschaftlich diskutiert.

Die Inschrift des Strängnäs-Steins besteht aus zwei Wörtern: Erilaʀ und Wodinʀ. Das erste Wort wird mit den Herulern, einem germanischen Stamm in Skandinavien in Verbindung gebracht. Möglicherweise weist dieser Begriff auf einen Jarl (nordischer Herrscher) hin. Das zweite Wort (Wodinr) wird als urnordische Version von Wodan identifiziert, was wohlmöglich den Übergang zum altnordischen Odin belegt. Allerdings fehlen für die These andere vergleichbare Funde, um dies endgültig so beurteilen zu können.

Warum hat Odin so viele Namen?

Odin hat mehr als 170 Namen. Jeder Namen ist mit einer Eigenschaft oder Rolle verknüpft. Auch die Mythen, welche von Odin erzählt wurden und die unterschiedlichen religiösen Praktiken sind mit spezifischen Namen verknüpft. Hinzu kommt, dass die nordische Mythologie bis ins Hochmittelalter existierte, ohne niedergeschrieben worden zu sein. Demnach gab es keine schriftliche Fixierung der Mythen, wie bspw. bei den Griechen zu Beginn der Antike.

So überdauerte die nordische Mythenwelt in einer mündlichen Erzähltradition in Germanien des 2. Jahrhunderts, in der Völkerwanderungszeit des 4. bis 6. Jahrhunderts und in der Wikingerzeit des 8. bis 11. Jahrhunderts. Während dieser ganzen Zeitdauer kam es zu einem kulturellen Austausch zwischen Nord- und Südgermanen, aber auch zwischen Germanen, Kelten, Griechen und Römern, zwischen Heiden und Christen usw..

Erst zwischen 1220 und 1225 schrieb Snorri Sturluson die nordischen Mythen auf, fasste diese in der Snorra-Edda zusammen und fixierte somit die nordische Mythenwelt schriftlich.

Es gibt Hinweise darauf, dass die nordischen Mythen bereits vor der Antike existierten. Denn im Nordosten Englands im County Cleveland existierte ein Hügel, welcher heute Roseberry Topping genannt wird. Für das Jahr 1119 ist ein anderer Name für den Hügel belegt, nämlich Othenesberg (altenglisch: Wodneshill).

Demnach trug der Hügel früher den Namen Odins bzw. Wodans. Auf dem Gipfel wurden bronzene Votiväxte vergraben. Möglicherweise ist dies ein Indiz darauf, dass in dieser Gegend bereits zur Bronzezeit die keltische Kultur durch die nordische verdrängt worden ist. Ähnliche Beispiele sind Woodnesborough oder Woden Law.

Warum war Mimirs Kopf ein Begleiter Odins?

Mimir war ein Asengott, welcher nach dem Wanenkrieg als Geisel zu den Wanen wechselte. Dieser Geiselaustausch sollte beide Göttergeschlechter befriedigen und weitere Kriege verhindern.

So kamen die Fruchtbarkeitsgötter Frey, Freya und Njörd nach Asgard. Gleichzeitig ging Mimir, der schlaueste unter den Asengöttern, nach Wanenheim. Doch die Wanen waren mit dem schlauen Mimir unzufrieden und köpften ihn.

Odin wusste um die Weisheit von Mimir. Deshalb bestrich er den Kopf mit Kräutern, wodurch dieser nicht verwesen konnte. So blieb Mimirs Kopf für Jahrhunderte erhalten und diente Odin als Ratgeber.

Aber Odin war getrieben von der mythischen Vorhersage eines endzeitlichen Krieges (Ragnarök). Die Prophezeiung vom Weltuntergang begann mit dem Verwelken der Weltesche Yggdrasil. Somit verstand es Odin als seine Aufgabe, den Weltenbaum zu schützen. Deshalb vergrub er Mimirs Kopf an der Wurzel des Baumes. Der Kopf des Ratgebers wurde so zum Beschützer des Baumes und zum Bewahrer der göttlichen Weltordnung. An der Wurzel des Baumes entstand dann Mimirs Quelle als Ort der Weisheit.

Warum hat Odin nur ein Auge?

Das fehlende Auge ist ein Zeichen von Odins Weisheit. Dieses Auge gab er als Pfand in Mimirs Quelle, um so die Weisheit der Quelle zu bekommen.

Als Odin den Kopf Mimirs opferte, um den Weltenbaum zu beschützen – vergab er auch Mimirs Weisheiten. Aber Mimir konnte in die Zukunft sehen und wusste, welche Gefahren überall drohten.

Als sich die Welt um Odin veränderte und er spürte, dass der Weltuntergang bevorstehen würde – musste er reagieren. Also ritt er zu Mimirs Quelle und wollte von dieser trinken. Durch den Trank hätte er Weisheit und Weissagung von Mimir erhalten. Aber Mimir konnte ihn nicht einfach, ohne Pfand, trinken lassen. Und so gab Odin sein eigenes Auge hin, um an Mimirs Weisheit zu gelangen. Danach hing er für neun Tage am Weltenbaum um das Geheimnis der Runen zu lüften.

Der Götterpfand, so nannte man das Auge, welches Odin gab – soll jetzt in Mimirs Quelle schwimmen. Es wurde zum Symbol des Vollmondes. Und so glaubten die Nordmänner und auch Nordgermanen daran, dass Odin bei Vollmond über sie wachte.

Der Halbmond war das Symbol des Sehergottes Heimdall, welcher mit seinem Gallarthorn die Brücke Bifröst vor Riesen bewachte. Da die sichelförmige Struktur des Hornes und die des Halbmondes sich glichen, galt auch der Halbmond als Schutzpatron der nordischen Kultur.

Wie breitete sich der Wodankult aus?

Bei Mythologen besteht Uneinigkeit darüber, ob Odin bzw. Wodan ein gesamtgermanische Götterfigur war, welche bereits zur indogermanischen Zeit im Götterbild existierte oder ob sich die Figur erst zur Zeitenwende im Zuge der allmählichen Wanderung des Wodan-Kults ausbreitete. Bei der zweiten Annahme geht man davon aus, dass Odin zunächst eine regionale Gottheit in den Niederlanden und im niederrheinisch-nordwestdeutschen Raum war.

Der Ausbreitungsprozess muss dann im Kontext mit der Auseinandersetzung zwischen Germanen und Römern betrachtet werden. In den Niederlanden gibt es Orte, welche auf den Namen Odin hindeuten: Woensel, Woensdrecht und Woensberg. Wohlmöglich liefern die Ortsnamen einen Hinweis darauf, dass dort ein altgermanischer Odinskult stattfand.

Der Mediävist Otto Höfler stellte fest, dass sich Odin nicht als eine einheitliche menschengestaltige Götterfigur darstellen lässt, da zu viele Facetten – wohlmöglich durch unterschiedliche Kultpraktiken – in die Figur einfließen.

Dennoch gibt es eine gewisse Einheitlichkeit über alle germanischen Stämme hinweg, wodurch sich einheitlicher Kulttypus feststellen lässt. Dies ist die Beziehung zur Ekstase, Odins Verwandlungsmöglichkeiten, der Totenkult, die vegetative Komponente als Fruchtbarkeits- oder Vegetationsgottheit und eine kriegerische sowie dämonische Dimension.

Wie wurde der Wodanskult verdrängt?

Im Jahr 813 ließ der Frankenkönig Ludwig der Fromme den Michaelstag auf die Woche des Wodansfestes verlegen. Man nimmt an, dass so eine Verschmelzung zwischen der heidnischen und der christlichen Glaubenswelt in Gang gesetzt wurde bzw. zum Abschluss kam.

Viele Michaelskirchen in Norddeutschland, welche dem Erzengel Michael gewidmet sind, waren vermutlich früher Heiligtümer des Wodan-Kultes.

Die gezielte Verdrängung Wodans durch den Heiligen Michael lässt sich auch archäologisch nachweisen. So wurden zahlreiche Weihesteine auf dem Michelsberg, einem Vorberg des Heiligenbergs bei Heidelberg gefunden. Diese Steine tragen Inschriften, wie „Mercurius Cimbrius“, was auf einen Wodenkult hindeutet.

Wohlmöglich wurden die Wodanskultstätten zu christliche Zwecken umgedeutet bzw. umgewandelt. Zeitgleich setzte eine Dämonisierung Odins ein, welche von christlichen Missionaren verbreitet wurde. Diese Praxis mussten die Christen vollziehen, da in der Alltagspraxis der schamanische Grundzug des Gottes noch allgegenwärtig war.

Welche Schriftquellen existieren zu Wodan bzw. Odin?

Die Lieder-Edda und die Snorra-Edda bilden die Primärquellen zur nordischen Mythologie. Diese wurden im 13. Jahrhundert unter christlichen Einfluss verfasst.

In beiden Eddas werden die mündlich überlieferten Mythen erstmals in schriftlicher Form kondensiert und somit für die Ewigkeit fixiert.

Lieder-Edda

Die Lieder-Edda ist eine Sammlung von Dichtungen bzw. Skaldengesängen unbekannter Autoren. Diese wurde früher als Ältere Edda bezeichnet, um sie von der Snorra-Edda zu unterscheiden.

Der wichtigste Teil der Lieder-Edda ist die um 1270 niedergeschriebene Handschrift Codex regius (deutsch: königliche Handschrift). Enthalten sind diverse Gesänge bzw. Dichtungen der Götter und Heldenlieder. Besonders relevant sind folgende Lieder: Völuspa, Havamal, Grimnismal, Vafþrúðnismál und Baldrs draumar (Baldurs Träume).

Völuspa

Im Gedicht Völuspa wird ein Dialog zwischen Odin und der untoten Völva (Seherin) geschildert. Diese schildert, dass die ersten Menschen Ask und Embla von Odin und seinen Brüdern erschaffen wurden.

Später im Gedicht schildert die Völva, wie der erste Krieg in die Welt kam. Laut dieser Erzählung nahm Odin seinen Speer und warf ihn gegen das Heer der Vanir. Außerdem sagt die Völva zu Odin, dass sie wüsste, wo er sein Auge versteckt habe.

Dann nennt sie eine Liste der Walküren, welche sie als Odins Damen bzw. die Damen des Kriegsherren (nǫnnor Herians) bezeichnet.

Bei der Vorhersage zu den Ereignissen von Ragnarök, sagt sie Odins Tod voraus. Demnach soll er gegen den Wolf Fenrir kämpfen und von diesem monströsen Wesen letztlich verschlungen werden. Doch Odins Sohn Vidar wird ihn rächen.

Havamal

Das Gedicht Havamal besteht hauptsächlich aus Versen der Weisheit, welche mit Odin in Verbindung gebracht werden. Außerdem wird darüber berichtet, wie Odin den Kessel Odrörer mit dem Skaldenmet zurückholte.

Sigrdrífomál

Im Heldengedicht Sigrdrifomal reitet der Held Sigurd nach Hindarfell. Auf einem Berg sieht er ein Licht. Im Skjaldborg angekommen, bemerkt er schlafende Soldaten und eine Frau, deren Halbharnisch so eng geschnürt ist, dass es ihr die Luft abdrückt.

Sigurd durchtrennt den Halbharnisch mit seinem Schwert Gram, die Frau erwacht und stellt sich als Walküre Sigrdrifomal vor. Dann erzählt sie die Vorkommnisse, welche sie in den Schlaf versetzt haben.

Laut ihrer Schilderung soll sie den König Hjalmgunnar im Kampf besiegt haben, obwohl Odin ihm den Schlachterfolg zugesichert hatte. Daraufhin stach er sie mit einem Schlafdorn, woraufhin sie in einen Dauerschlaf verfiel.

Snorra-Edda

Die Snorra-Edda wird auch als Jüngere Edda oder Prosa-Edda bezeichnet. Sie entstand zwischen 1220 und 1225, ist somit älter als das Codex regius der Lieder-Edda, aber dennoch jünger als die gesamte ältere Edda.

Autor der Prosa-Edda ist Snorri Sturluson, ein isländischer Skalde und Historiker, welcher aber überzeugter Christ war. Er wollte mit dieser Edda ein Gesamtwerk der nordischen Mythologie vorlegen, um diese schriftlich zu fixieren.

Ynglinga saga und Heimskringla

Die Ynglinga saga ist eine Königssaga, welche 1225 ebenfalls von Snorri Sturluson verfasst wurde. Behandelt werden die Legenden der königlichen Ynglinger aus Schweden, welche dann zu Königen in Norwegen wurden. Dabei wird die Abstammung der schwedischen Königsdynastie mit Odin in Verbindung gesetzt.

Doch die Ynglinga saga ist nur der erste Abschnitt in einem großen Gesamtwerk, welches als Heimskringla bezeichnet wird. Die Heimskringla wurde um 1230 von Snorri veröffentlicht und erzählt ein Gesamtwerk der legendären norwegischen Könige, welche auf Odin zurückgeht.

ältere Schriften

Ältere Schriften sind das altenglischen Runengedicht aus dem 8. oder 9. Jahrhundert. In diesem Gedicht wird Odin die OS-Rune (Os=Mund) zugeschrieben.

Paulus Diaconus war ein langobardischer Geschichtsschreiber des 8. Jahrhunderts, welcher in seinem Werk Historia Langobardorum zur langobardischen Geschichte die Gottheit Godan bzw. Wodan erwähnt und diese mit dem römischen Gott Mercurius gleichsetzt.

Ein Jahrhundert früher erschien das Origo Gentis Langobardorum. Dies war ein Bericht über die Entstehung des langobardischen Volkes. Dort erscheint Godan (Wodan) als Sieger über die Winniler.

Tacitus, ein römischer Geschichtsschreiber, schrieb im 1. Jahrhundert in seinem Werk (De origine et situ Germanorum) u.A. über die Religion der Sueben. In diesem Werk hielt er fest, dass die Sueben ein Gott verehren, welchen er als Mercurius identifizierte. Laut seinem Bericht werden dem suebischen Mercurius sowohl Tier- als auch Menschenopfer dargebracht.

Weitere Gottheiten werden genannt: der römische Kriegsgott Mars, der Heros bzw. Halbgott Herakles und die ägyptische Totengöttin Isis. Laut Tacitus entspreche Odin dem Mercurius, Mars dem Tyr, Herakles dem Thor und Isis der Freyja.