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Enheduanna


En-hedu-anna war eine Tochter des Sargon von Akkad und somit Prinzessin im akkadischen Reich. Sie lebte vor etwa 4.000 Jahren in der Stadt Ur im Süden Mesopotamiens und war dort eine Hohepriesterin des Mondgottes Nannar.

Während einer Rebellion der umgebenden Stadtstaaten gegen die Zentralgewalt kam ein gewisser Lugal-Ane an die Macht. Wohlmöglich wurde sie von ihm vergewaltigt, bevor ihr Neffe das Reich zurückerobern konnte.

Diese tragischen Umstände verarbeitete Prinzessin Enheduanna literarisch, indem sie diese niederschrieb. Sie ist somit die erste Frau, welche vergewaltigt wurde und dies für die Nachwelt festhielt. Mehr noch – Denn Enheduanna ist die erste Schriftstellerpersönlichkeit der Geschichte. In der Frauenforschung wird sie mitunter als erste bekannte Autorin der Weltliteratur erwähnt und wurde so zur Symbolfigur eines bestehenden Feminismus in der Frühgeschichte.

Steckbrief

Illustration von Enheduanna, mit Shutterstock-KI erzeugt

Illustration von Enheduanna, Bild mit Shutterstock-KI erzeugt


Enheduanna
Lebzeiten:etwa 2300 v. Chr.
Ort:Stadt Ur im Reich von Akkad
Beruf:akkadische Prinzessin, En-Priesterin in Ur, Autorin sumerischer Hymnen
Ehe:Ehefrau des Stadtgottes Nanna von Ur (lediglich symbolisches bzw. rituelles Konzept)
Vater:Sargon von Akkade
Mutter:Tašlultum
Geschwister:Vier Brüder: Rimush, Manishtushu, Ibarum (Shu-Enlil) und Abaish-Takal
Nachfolge:Enmenana

Wer war Enheduanna?

Enheduanna war eine Tochter von Sargon dem Großen, dem Begründer des Reiches von Akkad. Wahrscheinlich wurde sie von ihrem Vater zu einer Anführerin einer religiösen Gruppe in Ur ernannt, um dort die Verbindung zwischen der akkadischen und der einheimischen sumerischen Religion herzustellen bzw. zu festigen. Verschiedene Werke der sumerischen Literatur werden ihr zugeschrieben, wodurch sie als erster namentlicher Autor der Weltgeschichte bekannt ist.

Warum gilt Enheduanna als erste Autorin der Welt?

Viele sumerischen Werke, in denen Enheduanna genannt wird, sind in einer Ich-Perspektive geschrieben. Deshalb vermuten einige Historiker, dass diese von Enheduanna verfasst worden sind.

Welche Werke werden ihr zugeschrieben?

Die bekanntesten Werke, welche Enheduanna zugeschrieben werden, sind „Die Tempelhymnen“, „Die Erhöhung der Inanna“ und die „Hymne an Inanna“.

Die Tempelhymnen

Die Tempelhymnen sind 40 kurze Hymnen, welche verschiedenen Gottheiten Mesopotamiens und ihren Tempeln gewidmet sind. Der Gesamtumfang aller Hymnen beschränkt sich auf 545 Zeilen. Diese Hymnen enthalten Hinweise zu den sumerisch-akkadischen Göttern, dem Brauchtum, lokalen Mythen und religiösen Ritualen.

Forscher glauben, dass die Tempelhymnen geschrieben wurden, um eine religiöse Einheit zwischen Sumer und Akkad herzustellen. Gleichzeitig sollten die Tempel und die Gottheiten betont werden, um so eine gemeinsame religiös-politische Identität zu schaffen.

Hymne an Inanna

Die „Hymne an Inanna“ (In-nin ša-gur-ra) ist ein Lobgesang auf die Göttin Inanna. In der mesopotamischen Religion galt Inanna als Göttin der Liebe, des Krieges und wurde auch als Sexgöttin verehrt. Dementsprechend beschreibt das Gedicht die Macht, die kosmische Bedeutung und die kriegerische Natur von Göttin Inanna. Im letzten Abschnitt des Lobgesangs tritt Enheduanna als Sprecherin auf.

Erhöhung der Inanna

Die Erhöhung der Inanna ist ein 154 zeiliger Hymnus, den Enheduanna vermutlich im Exil verfasste. In diesem Gedicht schildert die Autorin den Aufstieg Inannas zur mächtigsten Gottheit Mesopotamiens und bittet sie darum, der Sargoniden Dynastie beizustehen.

Inannas Aufstieg begann, laut der Hymne, mit der Machtübertragung durch den Himmelsgott An. Dadurch wird Inanna die Herrscherin über alle Städte in Sumer. Und sie erhält die Vollmacht, göttliches Urteil zu vollstrecken. Diese Vollmachten nutzt Inanna, um gegen die rebellierende Stadt Ur vorzugehen.

Enheduanna schildert außerdem ihr Leid im Exil und bittet Inanna um Rettung und Wiederherstellung ihrer Würde. Demnach ist die „Erhöhung der Inanna“ ein Gebet, eine Klageschrift und ein politisches Manifest zugleich.

Hat Enheduanna ihre Werke wirklich selbst geschrieben?

Viele Historiker und Archäologen zweifeln die Urheberschaft von Enheduannas Gedichten an. Hauptargument der Kritiker ist, dass sich der Name „Enheduanna“ nicht auf die Person bzw. Prinzessin von Akkad, sondern auf das Amt der Hohepriesterin bezieht. Denn die Prinzessin war eine En-Priesterin. Und das sumerische Wort En bedeutet wörtlich „Herr“ und bezeichnet das höchste weibliche Priesteramt.

Einige Abschnitte der Tempelhymen (Hymnus Nr. 42) enthalten Hinweise darauf, dass Enheduanna die Autorin gewesen sein könnte. Doch andere Hymnen enthalten spätere Ergänzungen. So wird bspw. Königs Šulgi erwähnt, welcher die Dritte Dynastie von Ur im 21. vorchristlichen Jahrhundert prägte. Jenes Neusumerische Reich wurde erst nach dem Fall des Akkadischen Reiches hergestellt, also etwa 240 Jahre nach Enheduanna. Aber es wird auch diskutiert, dass solche Ergänzungen nachträglich gemacht worden sein könnten, was wiederum für Enheduanna als Autorin spricht.

Welche Rolle spielte Enheduanna in der Politik?

Sargon von Akkad setzte seine Tochter Enheduanna als En Priesterin des Mondgottes Nanna in Ur ein. Die Stadt Ur war ein wichtiges Machtzentrum der sumerischen Kultur gewesen. Demnach sollte Enheduanna die sumerischen religiösen Traditionen in Ur mit dem akkadischen Machtanspruch verbinden. Dies sollte eine Synthese von sumerischen und akkadischen Weltbild schaffen (Synkretismus). Somit wurde Prinzessin Enheduanna zu einem Instrument der imperialen Integrationspolitik ihres Vaters.

Als Hohepriesterin in Ur war sie die Gemahlin des Gottes Nanna und somit eine menschliche Verkörperung der Göttin Ningal. Und diese Vergöttlichung verlieh Enheduanna eine sakrale Autorität und politisches Gewicht. Demnach war sie so etwas wie eine sakrale Königin im Süden des Akkadischen Reiches. In diesem Amt ernannte und bestätigte sie diverse Würdenträger.

Warum wurde Enheduanna verbannt?

Um 2350 v. Chr. hatte Sargon von Akkad das gesamte Zweistromland erobert. Nach seinem Tod um 2300 v. Chr. wurde sein Sohn Manischtuschu zum Großkönig von Akkad, dessen Herrschaft um 2235 v. Chr. ein gewaltsames Ende fand. Sein Nachfolger war sein Bruder Rimuš, welcher ebenfalls ermordet wurde. Auf ihn folgte Naram-Sîn, der Sohn von Manischtuschu und Enkel von Sargon. Während seiner Regentschaft kam es zur Rebellion in Ur.

Anführer der Rebellen war Lugal-Ane. Dieser berief sich als neuer Herrscher von Ur, aufgrund seiner Legitimation durch den Stadtgott Nanna. Die Hohepriesterin Enheduanna sollte seinen Herrschaftsanspruch bestätigen. Doch Enheduanna war selbst Mitglied der sargonidischen Dynastie und verweigerte dem Rebellen ihre Bestätigung. Daraufhin wurde Enheduanna von ihrem Amt als Hohepriesterin enthoben und aus der Stadt vertrieben.

Was machte Enheduanna im Exil?

Nachdem Enheduanna aus Ur vertrieben wurde, fand sie in der Stadt Ĝirsu eine Zuflucht. Dort entstand das Loblied „Nin me šara“ (deutsch: „Herrin der unzähligen Me“ bzw. „Erhöhung der Inanna“). In diesem Gedicht erwähnt Enheduanna die Gottheit Inanna als Schutzgöttin ihrer Dynastie und fleht diese an, zugunsten ihre Dynastie in Ur einzugreifen.

Kehrte Enheduanna aus dem Exil zurück?

Tatsächlich gelang es König Narām-Sîn, die Rebellion um Lugal-Ane in Ur niederzuschlagen. Wohlmöglich kehrte Enheduanna danach wieder nach Ur zurück und bekleidete dort ihr ursprüngliches Amt.

Wie wurde sie wiederentdeckt?

Der britische Archäologe Sir Leonard Woolley entdeckte 1927 bei Ausgrabungen in Ur eine zerbrochene Alabasterscheibe. Die Rückseite der Scheibe identifiziert Enheduanna als Ehefrau von Nanna und Tochter Sargons. Auf der Vorderseite ist Enheduanna als Hohepriesterin beim Gottesdienst zu sehen, während ein nackter Mann ihr ein Getränk einschenkt. Die Scheibe ist heute ein besonderes Artefakt im Penn Museum in Philadelphia, Pennsylvania, USA.

Wurde Enheduanna vergewaltigt?

In „Nin me šara“ (Erhöhung der Inanna) schildert Enheduanna ihr eigenes Schicksal während des Exils. Ganz eindeutig wird dabei ihre Vertreibung aus Ur beschrieben, was sie als Erniedrigung empfand. Auch ihr Flehen an die Göttin Inanna ihr beizustehen, sind eindeutig belegt.

Jene Passagen sind gefühlvoll, bildgewaltig – aber die eindeutige sexuelle Gewalt fehlt. Die Forschung interpretiert die Hymnen als politische Demütigung und spirituelle Krise, hervorgerufen durch die Exilerfahrung. Bei einigen moderneren Autoren werden die drastischen Formulierungen des Gedichts als Metapher für sexuelle Gewalt ausgelegt. Allerdings fehlt dafür jeglicher Beweis.


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